Kolumnen

Ein kleines Virus – ein großer Schritt für die Menschheit?

Wenn Gesundheitsminister Jens Spahn anlässlich der Corona-Virus Epidemie die Frage in den Raum stellt „Auf was können wir eine Zeit lang verzichten?“, dann offenbart sich darin auch, dass wir mehr haben als wir benötigen. Wir, die (deutsche) Gesellschaft.

Als es nach dem Krieg in den beginnenden 50er Jahren endlich wieder – für alle erschwinglich – Butter, Sahne und Genussmittel gab, liefen den Menschen die Augen über. Auf einmal waren alle Waren ausreichend und im Überfluss zu haben. Eine Situation, die unsere Großeltern Jahrzehnte später noch nicht fassen konnten. Was man daran bemerkte, dass sie jede Sache solange wieder verwendeten, bis es schlicht nicht mehr ging. Auch Essen wurde nicht weggeworfen, die Kinder am Tisch zum Aufessen aufgefordert. Eine Generation, die nicht nur auf viele Annehmlichkeiten verzichten musste, sondern auch oft noch Hunger gelitten hat.

Die Verführung

Eine derart unter Mangel leidende Generation hatte Nachholbedarf. Wer könne das nicht nachvollziehen, dass man nach all den Strapazen, der ganzen Not und den vielen Entbehrungen jetzt auch mal ein wenig Luxus genießen möchte? Das hat die Wirtschaft ganz schnell verstanden. Die Nachkriegsjahre gelten noch heute als „Wirtschaftswunderjahre“. Waschmaschinen, Autos, Radios und Lebensmittel im Überfluss waren früher oder später in nahezu jedem Haushalt verfügbar. Kapitalismus, sicher. Aber damit konnten sich die meisten Menschen gut arrangieren.

Die Nachhaltigkeit

An irgendeiner Stelle zwischen damals und heute blieb die Nachhaltigkeit auf der Strecke. Jahrhundertealte, bewährte Trinkgläser gab es auf einmal aus Plastik, statt Einkaufnetz nahm man Plastiktüten, lose Ware wurde in kleine Einheiten verpackt. Wir alle kennen die Ausmaße, die das ganze angenommen hat und die Allermeisten haben dies mitzuverantworten. Wir Menschen sind nun einfach bequem, wenn man uns lässt.

Ein Virus als Chance?

Ja, sicher. Eine verrückte Idee. Aber bei allem Schrecken und Leid, den das Corona-Virus mit sich bringt, bietet es auch Gelegenheit zum Nachdenken. Um nochmal Jens Spahn zu zitieren: „Auf was können wir verzichten?“ Wann, wenn nicht jetzt, setzen wir an Stelle des stetigen Wachstums endlich die Nachhaltigkeit. Bauen wir doch wieder Geräte, die nicht absichtlich nach drei Jahren kaputt gehen, verkaufen wir doch Produkte lose, machen wir es doch wieder so, wie es Oma und Opa schon vorgemacht haben. Ein wenig Verzicht, ja. Aber ein großer Schritt …., na ihr wisst schon.

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Andreas Scharnberg

Andreas Scharnberg ist freiberuflicher Journalist und betreibt nebenher sein eigenes und unabhängiges Projekt einer regionalen Onlinezeitung. Der Vater von 4 Kindern ist Experte in Sachen der Lebenshilfe, aktiver Gewerkschafter, politisch interessiert und engagiertes Mitglied beim Weissen Ring. Als Hamburger weiß er auch, wie es ist, im Regen zu stehen.

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