Hamburg

WEISSER RING macht „Sexualisierte Gewalt“ zum Thema des Tags der Kriminalitätsopfer

Das Schweigen brechen

Hamburg. Alle acht Minuten wird ein Mensch in Deutschland Opfer von sexualisierter Gewalt. Das geht aus der Kriminalitätsstatistik der Polizei hervor, die allein für das Jahr 2018 knapp 64.000 Straftaten gegen die sexuelle Selbstbestimmung festhält. 

Aber das sind nur die Fälle, die von der Polizei erfasst wurden – die Dunkelziffer liegt sehr viel höher. Nicht einmal jede 15. Tat wird bei der Polizei angezeigt, das belegen kriminologische Studien. Der WEISSE RING, Deutschlands größte Hilfsorganisation für Opfer von Kriminalität, geht deshalb von bis zu einer Million Taten pro Jahr aus. Nicht alle acht Minuten, sondern vermutlich in jeder einzelnen Minute des Tages wird demnach ein Mensch Opfer von sexualisierter Gewalt. Doch viel zu oft schweigen die Betroffenen über das Erlebte: aus Angst, aus Unwissenheit, aus Scham, aus falsch verstandener Loyalität, weil die meisten Taten in den privaten vier Wänden geschehen. 

Mit dem 29. „Tag der Kriminalitätsopfer“ am 22. März will der WEISSE RING das Schweigen brechen: Aktionen in ganz Deutschland sollen die Öffentlichkeit für das Thema Sexualisierte Gewalt sensibilisieren und Betroffenen Mut machen, sich Hilfe zu holen.  (Anm. der Redaktion: Alle Aktionen sind wg. der Corona-Problematik abgesagt)

„Sexualisierte Gewalt ist extrem schambehaftet und wird noch immer gesellschaftlich tabuisiert“, sagt Karl-Heinz Langner, Leiter der Außenstelle Harburg (Kreis). „Viele Betroffene bringen nicht die Kraft auf, den sexuellen Übergriff zu thematisieren, vor allem, wenn er in den eigenen vier Wänden geschieht. Opfer sollten sich jedoch nie selbst die Schuld für das Verhalten des Täters geben.“ 

Sexualisierte Gewalt: Das sind alle Formen von sexuellen Handlungen, die einer Person aufgedrängt oder aufgezwungen werden. Dazu gehören sexuelle Nötigung, sexuelle Belästigung, Vergewaltigung oder sexueller Missbrauch. Sexualisierte Gewalt ist häufig Ausdruck eines emotionalen und wirtschaftlichen Macht- und Abhängigkeitsverhältnisses zwischen Täter und Opfer. 

Vor allem Frauen sind solcher Gewalt ausgesetzt, in der Öffentlichkeit, im Beruf, zu Hause. Partnerschaftsgewalt und häusliche Gewalt kann sich bis zum Mord und Totschlag steigern: 123 Frauen wurden laut der Kriminalstatistik 2018 von ihren Partnern umgebracht – mehr als jedes dritte Tötungsopfer. Die Opfer kommen aus allen Bildungs- und Einkommensschichten, aus allen Altersgruppen, Nationalitäten, Religionen und Kulturen. 

Sexualisierte Gewalt an Mädchen und Jungen findet täglich und überall, häufig auch innerhalb der eigenen Familie, statt. Schätzungen zufolge erfährt jedes fünfte Mädchen und jeder neunte Junge vor dem 18. Geburtstag (mindestens) einmal sexuelle Gewalt, die der Gesetzgeber als Straftat einstuft – also Nötigung, Missbrauch, Exhibitionismus oder Vergewaltigung. Nicht selten beeinflusst das Erleiden sexualisierter Gewalt den gesamten weiteren Lebensverlauf. 

Sexuelle Handlungen an oder mit Kindern sind grundsätzlich strafbar. Aufgrund seiner emotionalen und intellektuellen Entwicklung kann ein Kind einer sexuellen Handlung nicht wissentlich zustimmen – und somit niemals dafür verantwortlich sein, wenn es Opfer eines sexuellen Missbrauchs wird. Begünstigt wird der Missbrauch durch das Macht- oder Wissensgefälle zwischen dem Täter und seinem kindlichen Opfer. 

Alle Opfer von sexualisierter Gewalt leiden unter psychischen Folgen wie Angst, Vereinsamung, Depressionen oder chronischen Gesundheitsproblemen. Die Belastung quält die Betroffenen oft viele Jahre, manchmal das ganze Leben lang. „Betroffene Frauen und Männer befinden sich in einer Ausnahmesituation, die sie als bedrohlich und demütigend empfinden“, sagt Langner. Der WEISSE RING rät Betroffenen, unbedingt mit Personen ihres Vertrauens über das traumatische Gewaltereignis zu sprechen, ärztliche Unterstützung in Anspruch zu nehmen oder sich Hilfe zu suchen, zum Beispiel beim WEISSEN RING. 

Die 15 professionell ausgebildeten Opferhelferinnen und Opferhelfer in der Außenstelle Harburg (Kreis) und rund 12 Opferhelferinnen und Helfer in der Außenstelle Süderelbe (Hamburg) stehen den Betroffenen in der Notlage persönlich zur Seite. Zum „Tag der Kriminalitätsopfer 2020“ hat der WEISSE RING auch eine neue Broschüre mit dem Titel „Intime Verbrechen: Hilfe bei sexualisierter Gewalt“ herausgegeben. Informationen bieten zudem zwei neue Informations-Videos, die  auf der Website der Außenstellen abrufbar sind:

Zeige mehr
Anzeige

Andreas Scharnberg

Andreas Scharnberg ist freiberuflicher Journalist und betreibt nebenher sein eigenes und unabhängiges Projekt einer regionalen Onlinezeitung. Der Vater von 4 Kindern ist Experte in Sachen der Lebenshilfe, aktiver Gewerkschafter, politisch interessiert und engagiertes Mitglied beim Weissen Ring. Als Hamburger weiß er auch, wie es ist, im Regen zu stehen.

Kommentar verfassen

Ähnliche Artikel

Schaltfläche "Zurück zum Anfang"
X
X