Kolumnen

Die SPD und der 15%-Keller

Warum die SPD im 15%-Keller sitzt. Der Versuch einer Analyse. Die oberflächliche Betrachtung erlaubt eine schnelle Antwort: Weil in der Finanzkrise die Banken das Geld bekommen haben, weil gescheiterte Geschäftsmodelle anstelle von Arbeitern und Angestellten gerettet wurden. Weil die Lobby der Neoliberalen längst Einzug in die Fraktionsbüros der Parteien gehalten hat, sogar Gesetzesvorlagen zu 100% übernommen wurden.

Und klar auch, weil das Thema Umwelt und Digitalisierung auch von der SPD verschlafen wurde, nicht nur von den anderen Parteien.

Doch eines nehmen die Menschen der SPD besonders übel: Das ausgerechnet Kanzler Gerhard Schröder die Reform der Sozialsysteme auf Kosten der SPD-Klientel durchsetzte, war der Beginn vom Abstieg der SPD in den 15%-Keller.

1998 startete Schröder mit 40,9% in die letzte SPD-geführte Bundesregierung, 2002 erlangte die SPD noch 38,5% der Stimmen. Im Januar 2005 wurde das seit Februar 2002 entwickelte Gesetz der „Hartz-Kommission“ gültig. Spätestens jetzt wachten die SPD-Stammwähler auf. „Wer hat uns verraten, Sozialdemokraten“, war in diesen Jahren ein oft gehörtes Schlagwort an den Infoständen der Partei. Ab jetzt ging es bergab bei den Wahlen: 2009 erreichte die SPD nur noch 23%, 2013 waren es 25,5% mit einem starken Kanzlerkandidaten Peer Steinbrück, der stets seine gute Bekanntschaft zu SPD-Urgestein Helmut Schmidt zu inszenieren wusste.

2017 das kurze Aufleuchten eines Martin Schulz, der das Richtige sagte, aber später im Wahlkampf keine Details seiner Vorstellung einer Abwendung von Hartz-4 nachzog. Was die Umfragewerte der SPD, die noch Monate vor der Wahl bei über 30% lag, auf ein Ergebnis von 20,5% gedrückt hatte.

YouTube

Mit dem Laden des Videos akzeptieren Sie die Datenschutzerklärung von YouTube.
Mehr erfahren

Video laden

Zuletzt das Gute: Offensichtlich hat die SPD diese Fehler erkannt und arbeitet für alle sichtbar an deren Lösung. Still und leise, um nicht mit einzelnen Schlagworten wieder die gesamte Medienlandschaft aufzuschrecken. Norbert Walter-Borjans, Saskia Esken, Rolf Mützenich. Sie sind keine Schreihälse und versuchen den Themen der SPD wieder Leben einzuhauchen.

Ob eine Reanimierung aber Erfolg haben wird, da bin ich mir nicht sicher. Zu tief sitzen die Wunden bei der Stammwählerschaft der SPD. Etwa die Stigmatisierung, die man bei der Beantragung von Sozialhilfe erfährt. Wo man Kontoauszüge vorlegen muss, tiefgehende Angaben zur Familiensituation zu machen sind und wo nicht selten Lebenspläne enden sollen, die man 20 Jahre verfolgt hatte. Die Fremdsteuerung und die schambehafteten Besuche im Jobcenter. Offensichtlich zu den Loosern gehören, das will niemand.

Als Marketing-Mensch weiß ich: Emotionen sind entscheidend, auch bei der Bundestagswahl. Wenn die SPD hier nicht die passenden Worte findet und das Richtige macht, droht ihr die Bedeutungslosigkeit. Es gilt den Keller aufzuräumen und die Leiche endlich zu bestatten.

Wie du lokalen Journalismus unterstützen kannst!
Zeige mehr
AnzeigeRestaurant Scharf Giovanni L. Neugraben entdecken Belegprofis Princess to Bride Asien SBay

Andreas Scharnberg

Andreas Scharnberg ist freiberuflicher Journalist und betreibt nebenher sein eigenes und unabhängiges Projekt einer regionalen Onlinezeitung. Der Vater von 4 Kindern ist Experte in Sachen der Lebenshilfe, aktiver Gewerkschafter, politisch interessiert und engagiertes Mitglied beim Weissen Ring. Als Hamburger weiß er auch, wie es ist, im Regen zu stehen.

Kommentar verfassen

Ähnliche Artikel

Schaltfläche "Zurück zum Anfang"
X
X