GesundheitKolumnen

Auf was man beim Zahnarzt wirklich achten sollte

Süderelbe. Er ist gelernter Zahntechniker, besitzt seit 1984 den Meisterbrief. Als Sanitäter und männliche Sprechstundenhilfe der Zahnstation diente er auf dem Schulschiff Deutschland. Er war angestellter Techniker in Zahnarztlaboren, Dozent für Werkstoffkunde und Chemie. Außerdem Ausbilder in der zahntechnischen Erwachsenenbildung und Ausbilder von Lehrlingen im eigenen Betrieb. Dieter Jobst ist Neu Wulmstorfer, 1947 geboren. Sein Buch „Du, dein Zahnarzt und ich“ ist im Fachhandel unter der ISBN ISBN 978-3-740-70846-7 zu beziehen.

Dieses Buch klärt auf, nennt alternative Lösungen für die „neuen
Zähne“ und schließt beim Patienten Informationslücken, die, im
Praxisalltag gepflegt, oft größer sind als die zu schließende
Zahnlücke. Aktuelles aus Süderelbe erhielt Gelegenheit für ein Interview:

Bei Ihnen scheint sich alles um Zähne zu drehen, haben Sie das als Kind schon geahnt?

Nein, soll ich sagen „natürlich nicht“? Im Gegensatz zu den vielen Anderen die schon als Kind wussten was sie einmal werden, begegnete mir das Wort Zahntechniker erst, als ich aus der Schule entlassen wurde und einen Beruf ergreifen wollte. Zahntechniker wurde ich eher durch Zufall, bis dahin wusste ich gar nicht, dass es diesen Beruf gibt. Der Berufsberater im Arbeitsamt wies mich darauf hin. Warum weiß ich nicht, vielleicht weil ich im Personalbogen den Beruf des Vaters mit „Polsterer und Dekorateur“ fehlerfrei angeben konnte? Im Buch gibt es ein Kapitel zu diesem Werdegang.

Warum haben Sie sich am Thema Zähne festgebissen?

Na ja, grundsätzlich sollte man sich doch in jedem Beruf am Thema festbeißen, finde ich. Wenn man in einem Gesundheitsberuf tätig ist, doch ganz besonders. Zähne und Mund haben einen wichtigen Anteil an der eigenen körperlichen Gesundheit. Das Thema „Verdauung“ beginnt schon im Mund. Und man ahnt gar nicht, wie fatal ein schlechter Zustand der Zähne sich auf einzelne Organe, den ganzen Körper auswirkt.

Welche Erfahrungen haben Sie mit Zahnärzten gesammelt?

Meine Erfahrungen muss ich ja unterteilen in einen privaten und einen beruflichen Teil. Der private Teil ist doch der, wo ich selbst als Patient auf dem Behandlungsstuhl sitze. Im beruflichen Teil begegnen mir Zahnarzt und Zahnärztin als Geschäftspartner, als Kunden. In früheren Jahren, also zahntechnisch/medizinisch unerfahren, habe auch ich unangenehme Erfahrungen mit Zahnbehandlungen machen müssen. Vermutlich wie viele Ihrer Leser noch heute. Inzwischen kann ich die Spreu vom Weizen trennen. Der Normalpatient könnte die Bewertungsportale im Internet besuchen und sich dort über die Erfahrungen der Kommentatoren mit und entsprechenden Kommentaren zu Zahnarztpraxen informieren. Allerdings finde ich dass Kommentare wie „ich fühlte mich dort gut aufgehoben“ oder „die Behandlerin ist sehr nett“ nichts aussagen zur Qualität der Behandlung. 

Was zeichnet eine/n gute Zahnärzt/in aus?

Das frage ich mich immer wieder, wenn ich höre, dass jemand einen „guten Zahnarzt“ sucht. Welches Kriterium ist denn wichtig? Der Designertresen am Empfang, die Designersessel im Wartebereich? Oder das ich auch gleich dran komme, wenn ich zu einer bestimmten Uhrzeit Termin habe?

Wichtig finde ich, dass der Zahnmediziner gründlich arbeitet. Was nützt es, wenn „er gar nicht bohrt“, dafür aber die Karies übersieht und der Zahn beim nächsten Besuch nur noch reif für die Zange ist? Oder, wie von der Kasse „vorgeschrieben“, bei einer Wurzelentzündung den Nervkanal tatsächlich nur bis zum „unteren Drittel“ aufbereitet und verfüllt. Im restlichen Bereich feiern die nicht entfernten Erreger ihr Unversehrtheit und nach nicht allzulanger Zeit wird eine Wurzelbehandlung fällig um den Eiterherd an der Wurzelspitze zu entfernen. Die sinnvolle Sache, dass aufbereiten und verfüllen des gesamten „untere Drittels“ müsste der Patient als Privatleistung bezahlen. Nur, wird er über die Problematik informiert?

Mein Kriterium, als Zahntechnikermeister, ist, dass mir die Praxis einwandfreie Arbeitsunterlagen liefert, die Zahnabdrücke und Bißnahmen. Auf dieser Unterlage kann der Zahntechniker dann einwandfreie Produkte anfertigen. Ich bemühe gern das Bild aus der Baubranche. Was bitte soll der Maurer mauern, wenn der Architekt  Bauzeichnungen , also Unterlagen liefert, die ungenau sind? Und zu wessen Kosten gehen die Korrekturaufwendungen? Die Zahntechniker können viele traurige Lieder darüber singen.

Welche Rolle spielen die Zahntechniker, die ja vom Beißenden kaum wahrgenommen werden?

Der bekannte Wortwechsel „Sag mal, hast du neue Zähne?“  „Ja, toll nicht wahr? Hat mein Zahnarzt  gemacht.“ Nein, der Zahnarzt hat die Grundlagen für die neuen Zähne erarbeitet und den Zahnersatz dann im Mund –hoffentlich korrekt- eingesetzt. Den Zahnersatz selbst macht der Zahntechniker. Tatsächlich arbeiten die Zahntechniker überwiegend im Hintergrund. Entweder im gewerblichen Labor oder im Praxislabor des Zahnarztes. Wobei ich als Laborbetreiber ein Praxislabor kritisch sehe. Zugegeben, jeder Techniker sollte ein paar Jahre im Praxislabor arbeiten, damit er am Patienten direkt sieht, was er mit seiner Arbeit so anrichten kann. Aber der berufliche Wettbewerb, -und das geht an die lieben Kollegen im Praxislabor- findet im gewerblichen Labor statt. 

Welche Reaktionen erhalten Sie auf Ihr Buch?

Durchweg Positive. Auch von Kollegen. Nicht selten mit der Bemerkung „da könnte ich auch noch etwas zu beitragen“. Bei den Kollegen hört die Begeisterung allerdings oft bei dem Kapitel auf, wenn über Auslandszahnersatz geschrieben wird. Sie sehen darin ihren Untergang und möchten den Auslandszahnersatz am liebsten vom Gesetzgeber verboten sehen. Übersehen aber  dass die Globalisierung auch vor der Zahntechnik nicht halt macht. Ich selbst war über zwanzig Jahre für den Import aus asiatischen Laboren zuständig.

Früher habe ich meine Zahnkrone selbst angefertigt. Heute lasse ich das die Kollegen in Asien machen. Der Vorteil vom Auslandszahnersatz für den Patienten, besonders dem Kassenpatienten ist der günstigere Preis, wegen der –zur Zeit noch- günstigen Lohnkosten. Die gesetzlichen Krankenkassen zahlen ja eine sogenannte Fallpauschale, also einen Festbetrag für jede Zahnbehandlung. Der deckt etwa 50% der Gesamtkosten, also Honorarkosten der Praxis und Laborkosten des Zahntechnikers. Den Rest muss der Patient tragen. Sind die Zahntechnikkosten durch die Auslandsanfertigung geringer, spart also der Patient.

Bei privatversicherten Patienten bleibt die Ersparnis dagegen eher beim Versicherungsunternehmen hängen, denn das zahlt ja einen vertraglich festgelegten Prozentsatz an der Gesamtrechnung. Und 80% von Fünfhundert ist natürlich weniger als 80% von Eintausend. Da möchte man doch sparen, für die Aktionäre. Und schickt gelegentlich dem Versicherten einen Hinweis auf Lieferanten von günstigem Zahnersatz. „Und merke dir’s, 0 Schädel!“, wie Wilhelm Busch in einem Gedicht schreibt.  

Mit dem Buch schwingt eine gewisse Kritik an der Zunft mit. Welche Hauptbotschaft wird da transportiert?

Deutschlands Wirtschaft ist globalisiert. Wie gesagt, beklagt die Branche die Konkurrenz aus Asien und hegt den Wunsch, dass die gesetzlichen Krankenkassen den Auslandszahnersatz nicht bezuschussen würden. Der Gesetzgeber ihnen also die Pfründe sichert. Dabei hat ein höchstrichterliches Urteil diese Art Wettbewerb begrüßt. Ohne Auslandszahnersatz bestünde der nämlich nicht. Der Gesetzgeber hat in einer „Bundeseinheitlichen Liste“, der BEL, die Höchstpreise für Zahnersatz im Bereich der gesetzlichen Krankenkassen festgeschrieben, damit die Kosten und Zuschüsse im Gesundheitssystem nicht explodieren. Die Zahntechniker-Innungen der jeweiligen Bundesländer verhandeln jährlich mit den Kassen diese Preise neu. Und jammern. Mit Recht.

Die deutsche Zahntechnik hat ein hohes, ein sehr hohes Niveau. Eine spezielle Entwicklung zum Beispiel, die Teleskop-Krone wird weltweit als „German Crown“ bezeichnet. Nicht selten mit dem Zusatz „fucking german crown“, weil einiges an know how und Können nötig ist.
Statt in ausländische Märkte zu gehen um mit diesem hohen Niveau dort Kunden zu gewinnen, wird gern nach der Errichtung einer grünen Insel für deutsche Zahntechniker durch den Staat gerufen. Wenn wir aus Asien importieren, warum exportieren wir dann nicht nach Asien und in die Welt? Die Klientel für „Zahnersatz Made in Germany“ ist vorhanden. Man denke nur an die arabische Welt. Warum wohl legt die ständig in Südspanien mit der Yacht an und geht dort zu Zahnärzten die sich aus aller Welt dort niedergelassen haben. Oder die Society fliegt ein um sich hier behandeln zu lassen. Meine Hauptbotschaft an die Labore: Nicht jammern, sondern entwickeln, neue Wege gehen, machen. Stattdessen kommt man auf die absurde Idee den deutschen Zahnersatz im Inland zu niedrigeren, fast Auslandspreisen anzubieten. Auf der einen Seite wird gerügt dass die Preisverhandlungen mit den Kassenverbänden nicht hoch genug ausfallen und nimmt sogar Nullrunden in Kauf, auf der anderen Seite senkt man, hilflos genug, die Laborpreise. Auf wessen Kosten wohl?

Deutschland ist ein Hochpreisland, Kosten und Abgaben sind hoch und Zahnersatz ist teuer. Logisch. Auch der Zahntechniker in Deutschland hat hohe Lebenshaltungskosten und muss für sein Gehalt einen Umsatz erbringen, der im Verhältnis zum Gehalt steht. Wenn jetzt der Laborinhaber die Preise senkt, senkt er automatisch den Umsatz des Technikers und somit dessen Gehalt. Wohin führt das? Richtig ist ja, man muss sich schon mal bücken im Leben, aber man sollte darauf achten, dass man sich dabei nicht den Rücken bricht. Denn dann kommt man nicht mehr hoch.


Wo wohnen und leben Sie? In Nachbarschaft zu Zahnärzten?

Ich lebe in Neu Wulmstorf, ja auch in Nachbarschaft zu Zahnärzten,
die ich allerdings weder als Patient noch als Zahntechniker kenne.

Wofür engagieren Sie sich heute? 

Ich bin ehrenamtlicher Vorleser im Altenheim, wobei dies durch die momentane Situation ausgesetzt ist.

Was wünschen Sie sich von der Gesellschaft?

Von der Gesellschaft? Au das ist ein sehr weites Feld. Vom Buchhintergrund her würde ich begrüßen, wenn der „mündige Patient“ bei seinen Zähnen ebenso informiert wäre, wie er es nicht selten bei seinem Auto ist, das auf dem Laternenparkplatz steht. Da kennt er sich aus, da weiß er alles. Ob das gebrochene Teil im eigenen Mund aber eine Prothese oder eine „Brücke“ ist, hingegen nicht. Der mündige Patient erzählt mir, dass er gerade in Zahnbehandlung ist. Auf meine Frage was denn gemacht werden soll und welches Material verwendet werden wird, erhalte ich nicht selten die Antwort: „weiss ich gar nicht.“

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Andreas Scharnberg

Andreas Scharnberg ist freiberuflicher Journalist und betreibt nebenher sein eigenes und unabhängiges Projekt einer regionalen Onlinezeitung. Der Vater von 4 Kindern ist Experte in Sachen der Lebenshilfe, aktiver Gewerkschafter, politisch interessiert und engagiertes Mitglied beim Weissen Ring. Als Hamburger weiß er auch, wie es ist, im Regen zu stehen.

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