Winsen

Pflegebonus ist ein Tropfen auf dem heißen Stein

Systemrelevante Berufe müssen endlich gerecht bezahlt werden

Winsen. Die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter in der Kranken- und Altenpflege, haben in den vergangenen Wochen unglaubliche Leistungen erbracht. Sie pflegten Kranke, trösteten Seniorinnen und Senioren, die zum eigenen Schutz isoliert wurden und keinen Besuch erhalten durften und sie ertrugen weiterhin wie selbstverständlich die vielen Überstunden aufgrund von Personalnot. Die Corona-Hoch-Zeit brachte Beschäftigte, die in diesen sogenannten systemrelevanten Berufen tätig sind, physisch und psychisch an ihre Grenzen. Die Einkommen in diesen Bereichen sind jedoch seit Jahren nicht akzeptabel.

All diese negativen Aspekte und schlechten Zukunftsprognosen sind lange bekannt und können unter anderem auch als Ursache für den extremen Personalmangel in diesen Berufen genannt werden. Die Corona-Pandemie hat die Strukturprobleme in der Pflege jetzt noch einmal deutlich sichtbar gemacht. Neu ist lediglich das Interesse der Medien und der Öffentlichkeit, das diese Berufe in den letzten Wochen erfahren haben. Plötzlich wird in Talk-Shows und Zeitungsartikeln ausführlich über dieses Thema diskutiert. In vielen Städten standen Anwohnerinnen und Anwohner abends auf ihren Balkonen und bedankten sich bei den Beschäftigten, die in der Altenpflege und in den Krankenhäusern tätig sind mit Klatschkonzerten für ihren heldenhaften Einsatz. „Euren Applaus könnt ihr Euch sonst wohin stecken“, kommentiert eine Krankenpflegerin derartige öffentliche Solidaritätsaktionen dem Berliner Tagesspiegel gegenüberund fordert eine angemessene Bezahlung für sich und ihre Kolleginnen und Kollegen ein.

Als Anerkennung für die Beschäftigten in systemrelevanten Berufen, wie in der Altenpflege und in den Krankenhäusern, hat der Bund am 22. Juni, eine sogenannte Corona-Prämie in Höhe von 1.000 Euro beschlossen. Die jeweiligen Bundesländer haben die Möglichkeit diese Einmalzahlung außerdem um zusätzlich 500 Euro aufzustocken. „Die Corona-Prämie oder der Pflegebonus können nur ein Tropfen auf dem heißen Stein sein. Eine langfristige Hilfe in Form von fairen Tarifverträgen ist die Zahlung ganz bestimmt nicht“, findet Andrea Schrag, die Gleichstellungsbeauftrage für den Landkreis Harburg.

Eine Prämie von 1.000 Euro bekommen Vollzeitbeschäftigte, die schwer­punkt­mäßig in der direkten Pflege und Betreuung in einem Zeitraum vom 1. März bis einschließlich 31. Oktober 2020 mindestens drei Monate in einer Pflegeeinrichtung tätig waren. Teilzeitbeschäftigte bekommen den Bonus anteilig. Unterbrechungen von bis zu 14 Kalendertagen wirken sich nicht auf die Bonusauszahlung aus wie ein darüber hinausgehender Ausfall aufgrund von Erholungsurlaub, eines Arbeitsunfalls, einer COVID-19-Erkrankung oder auch aufgrund von Quarantänemaßnahmen. „Aber wer im genannten Zeitraum länger als 14 Tage erkrankt war hat die Wertschätzung aus Berlin nicht verdient und geht ohne Boni aus“, folgert Andrea Schrag.

Die Landesarbeitsgemeinschaft kommunaler Frauen- und Gleichstellungsbüros Niedersachsen (lag) schließt sich dieser Beurteilung an. „Der Pflegebonus ist völlig unzureichend und ungenügend und ein viel zu geringer Betrag gemessen an der Leistung in der Altenpflege, besonders unter den erschwerten Bedingungen und den besonderen Belastungen in der Corona-Krise“, sagt Angelika Kruse aus dem lag-Vorstand. Die Altenpflege benötige vielmehr dringend tiefgreifende strukturelle Veränderungen. Eine komplette Neubewertung dieser Arbeit muss her in Form von einer kontinuierlichen finanziellen Aufwertung, geregelt in allgemeinverbindlichen Tarifverträgen. Gebraucht werde außerdem mehr Personal in der stationären und ambulanten Pflege und insgesamt eine weitreichende Verbesserung der Arbeitsbedingungen.

Das Thema Pflege muss also in vielen Bereichen neu betrachtet werden. Schnellstens müssen Maßnahmen folgen, die zu einer deutlichen finanziellen Verbesserungen in pflegerischen Berufen führen. Die Landesarbeitsgemeinschaft kommunaler Frauen- und Gleichstellungsbüros Niedersachsen fordert darum, sofort damit zu beginnen, die Altenpflege strukturell neu auszurichten, nicht erst nach der Corona-Pandemie. Pflegearbeit, die überwiegend von Frauen geleistet wird, ist systemrelevant. Denn nicht nur in Krisenzeiten sind Kranken- und Altenpflegerinnen wichtige Stützen unserer Gesellschaft, deren Arbeit endlich durch eine angemessene Bezahlung und faire Tarifverträge anerkannt werden muss.

Ende August 2020 endet der Tarifvertrag im öffentlichen Dienst für Bund und Kommunen. Am Verhandlungstisch sitzen für den Bund der Bundesinnenminister Horst Seehofer und für die kommunalen Arbeitgeber der Lüneburger Oberbürgermeister Ulrich Mägde und Niklas Benrath, der Hauptgeschäftsführer der Vereinigung kommunaler Arbeitgeberverbände (VKA). Schrag fordert die Herren zu zielgerichteten, ergebnisorientierten und fairen Tarifverhandlungen auf, vorrangig für die Beschäftigten im Pflegebereich. „Unsere Gesellschaft wird immer älter und die Pflege ist nahezu am Rande ihrer Kapazitäten, das passt nicht zusammen. Dieser Bereich muss finanziell aufgewertet und attraktiver gemacht werden, sonst fliegt uns der Pflegenotstand so was um die Ohren, bis dieser endgültig kollabiert“, mahnt die Gleichstellungsbeauftragte.

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Andreas Scharnberg

Andreas Scharnberg ist freiberuflicher Journalist und betreibt nebenher sein eigenes und unabhängiges Projekt einer regionalen Onlinezeitung. Der Vater von 4 Kindern ist Experte in Sachen der Lebenshilfe, aktiver Gewerkschafter, politisch interessiert und engagiertes Mitglied beim Weissen Ring. Als Hamburger weiß er auch, wie es ist, im Regen zu stehen.

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