Geschichte

Wie die Jungsteinzeit nach Norddeutschland kam

Archäologisches Museum Hamburg veröffentlicht Dissertation zum Übergang von der Mittelsteinzeit zur Jungsteinzeit

Harburg. Im Osten der Hansestadt befindet sich Hamburgs letzte Wanderdüne und gleichzeitig eines der beliebtesten Ausflugsziele der Stadt: die Boberger Dünen. Weniger bekannt ist, dass die Dünenlandschaft auch in der Archäologie als wichtiger Fundplatz eine herausragende Rolle spielt. In der Epoche des Übergangs von der Mittelsteinzeit  zur Jungsteinzeit, zwischen 4.700 und 3.400 v. Chr., als sich der Mensch vom Jäger und Sammler zum Bauern entwickelte, ließen sich hier frühe Siedler nieder. Das Fundmaterial aus dieser Zeit lagert seit den 1950er-Jahren im Archäologischen Museum Hamburg und wurde nun im Rahmen einer Dissertation einer Überprüfung und Neubewertung unterzogen. In einer neuen Publikation präsentiert das Museum nun erstmals die aktuellen Forschungsergebnisse.

Die Boberger Dünen sind als wahres Eldorado für Steinzeitforscher weit über die Grenzen der Hansestadt bekannt. Schon in den 1950er-Jahren wurden hier durch die Hamburger Bodendenkmalpflege Ausgrabungen durchgeführt. Das Fundmaterial und die Grabungsdokumentation werden seitdem im Archäologischen Museum Hamburg aufbewahrt. Gerade die damals geborgenen Keramikscherben ließen bereits den Ausgräber Reinhard Schindler zeitliche Abstufungen erkennen, die als Paradebeispiel für eine Kontaktzone galten, in der einheimische Jäger und Sammler noch der mittelsteinzeitlichen Lebensweise verhaftet waren, während elbabwärts aus dem Südosten neue Bevölkerungsgruppen vordrangen, die bereits Ackerbau und Viehzucht kannten und diese bäuerliche Lebensweise nun in den Norden brachten.

Schon kurz nach der Ausgrabung entfachten die neuen Erkenntnisse eine kontroverse Diskussion unter den Archäologen. Die Autorin der Publikation, Laura Thielen, hat in ihrer Dissertation die Altgrabungen von Grund auf neu untersucht und die gesamte Grabungsdokumentation sowie das geborgene Fundmaterial modernen naturwissenschaftlichen Analysen unterzogen. Die dabei gewonnenen Erkenntnisse liefern einen wichtigen Forschungsbeitrag für die Archäologie und sind von überregionaler Bedeutung. Die Dissertation ist nun als Publikation des Archäologischen Museums Hamburg erschienen.

Steinzeitliche Funde in den Boberger Dünen: Vorboten einer neuen Lebensweise

Die Boberger Dünen zählen zu den archäologischen Fundplätzen, die forschungs-geschichtlich seit Jahrzehnten eine herausragende Rolle in der Diskussion um die Sesshaftwerdung des Menschen in ganz Norddeutschland einnehmen. Der Fundplatz in den Dünen zeichnet sich durch ungewöhnlich reich verziertes Scherbenmaterial aus und gibt Auskunft über die Siedlungsweise und das Alltagsleben der damaligen Siedler. Neben einheimischen Funden der späten Mittelsteinzeit wurden hier auch einige Gefäßscherben und das Bruchstück einer Felsgestein-Axt geborgen, die durch Angehörige einer aus Mitteldeutschland stammenden Bauernkultur, der sog. Rössener Kultur, geschaffen wurden. Den wohl prominentesten Fund stellt ein fast vollständig erhaltener Rössener Kugelbecher dar. Die Archäologen interessiert besonders, wie die fremdartigen Artefakte in das Boberger Gebiet gelangt sind und wie weitreichend die Kontakte der frühen Siedler waren. Viele Fragen zum Ausmaß und Ablauf dieser kulturübergreifenden Interaktionen konnten nun durch die Arbeit von Laura Thielen neu beleuchtet werden.

Arne Dornquast, Bezirksamtsleiter Bergedorf: „Auch diesseits von Troja birgt der Boden reiche Schätze. Oft führen große Kriege, deren Heldentaten auch nach Jahrtausenden noch erzählt werden, Archäologen auf die Spuren menschlicher Vergangenheit. Die Funde steinzeitlicher Keramik in Hamburg-Boberg sind dagegen friedlichen Ursprungs. Sie künden vom Leben unserer Vorfahren und davon, dass hier auch vor mehr als 6000 Jahren der Kontakt mit Menschen aus entfernteren nordeuropäischen Kulturen stattgefunden hat. Die von Laura Thielen analysierten Fundstücke lassen aber auch den Schluss zu, dass sich die frühen „Bergedorfer“ durch ein durchaus heute noch zu beobachtendes Maß an Beharrlichkeit ausgezeichnet haben und sich nicht jede neue Mode sofort zu eigen gemacht haben. Der Autorin gebührt der Dank und der Respekt, in wahrer Kleinarbeit die bisherigen Annahmen über die Funde in Hamburg-Boberg einer zeitgenössischen Qualitätsmaßstäben genügenden Neubewertung unterzogen zu haben. Mit der Veröffentlichung ihrer Dissertation durch das Archäologische Museum Hamburg werden diese Erkenntnisse nun auch einer breiteren Öffentlichkeit zugänglich gemacht. Darüber freue ich mich sehr.“

Weitere Informationen zum Thema werden demnächst auch als Museums-Podcast angeboten. Eine Episode zu Laura Thielens Arbeit steht dann auf der Webseite und allen gängigen Plattformen zum Anhören und Herunterladen zur Verfügung.

Die Publikation ist eine Veröffentlichung des Archäologischen Museums Hamburg und kann zum Preis von 49,90 Euro ab sofort im Museumsshop sowie im Webshop erworben werden. Laura Thielen: Die Neolithisierung auf den Fundplätzen Hamburg Boberg ­– Kontakte und Interaktion. Publikation des Archäologischen Museums Hamburg Nr. 114, 2020 (ISBN 978-3-931429-38-6), 49,90 Euro. Herausgeber: Rainer-Maria Weiss.

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Andreas Scharnberg

Andreas Scharnberg ist freiberuflicher Journalist und betreibt nebenher sein eigenes und unabhängiges Projekt einer regionalen Onlinezeitung. Der Vater von 4 Kindern ist Experte in Sachen der Lebenshilfe, aktiver Gewerkschafter, politisch interessiert und engagiertes Mitglied beim Weissen Ring. Als Hamburger weiß er auch, wie es ist, im Regen zu stehen.

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