Geschichte

Mit dem Flachwaggon ist das Ladegleis im Museumshafen Harburg komplett

Am 29. September 2020, auf den Tag genau 30 Jahre nach Toreschluss des Harburger Eisenbahn-Ausbesserungswerkes ist ein wichtiger Teil der Bahnhistorie wieder greifbar. Der Flachwaggon – heute per Mobilkran vom Tieflader aufs Gleis gesetzt – füllt die Lücke am Lotsekai und wird in das maritime Kulturgut des Vereins Museumshafen Harburg aufgenommen. Er wird aufgearbeitet und dient als Träger für die dicken Dinger: Container und Kran-Greifer. 

Der Flachwaggon Modell Klms440, wurde am Montag, 28. September angeliefert und per Mobilkran am Lotsekai im Harburger Binnenhafen aufgestellt. 

12,1m lang, 10,3t Eigengewicht, 28,4qm Ladefläche, mit Bremser-Plattform. Baujahr 1938-1943. Der Waggon wurde zu Beginn des 2. Weltkrieg gebaut, eingerichtet für den Transport von Truppenfahrzeugen und Panzern. Erreicht wurde dies durch umklappbare Ladebordwände, die an beiden Enden auf die Puffer klappten und so eine Durchfahrt der Fahrzeuge der Länge nach über die verbundenen Waggons ermöglichten. 

Dieser Flachwaggon lief nach dem Krieg, ausgerüstet mit Rungen, jahrzehntelang bei den Haindl Papierwerken Duisburg-Walsum, bevor er 1988 im Verein „Historischer Schienenverkehr Wesel e.V.“ eine Bleibe fand. Von dort kam er jetzt auf dem Straßenweg nach Hamburg, ist doch seine Zulassung für den Schienentransport längst abgelaufen. Der Flachwaggon wird am Lotsekai auf einem verbliebenen Stück Schiene am gelben Kulturkran stehen, das nicht mehr mit dem heutigen Schienennetz der Bahn verbunden ist und dem Verein vom Nachbarn, der Baufirma Aug.Prien zur Verfügung gestellt wurde. 

Der Zustand des Waggons ist: Rostig. Der Holzfußboden fehlt und muss erneuert werden, die Ladebordwände vorne und hinten müssen gängig gemacht werden. Ziel ist, dass der Waggon – wie die anderen – in seinem sichtbar gebrauchten Zustand konserviert wird und für seine zukünftige Funktion im Ensemble fitgemacht wird. Er wird ja nicht mehr rollen, sondern zur Hälfte als Abstellort eines Lagercontainers für Kran-Utensilien dienen. Auf der Freifläche wird der Greifer des Liebherr-Krans abgestellt – und: Wer weiß, vielleicht wird dort einmal Schüttgut verladen im Rahmen von Vorführungen des Lade- und Löschvorganges mit Kran- Betrieb. 

Der Waggon braucht also einen neuen Holzboden, Konservierung „im alten Stil“ und eine Aufstiegstreppe. Diese Arbeiten und alles Weitere rund um die Waggons, Krane und Schiffe werden im Verein regelmäßig beim „Hafenarbeitstag“ immer am 3. Samstag im Monat durchgeführt. Mitmacher und Zuschauer sind immer herzlich willkommen zwischen 10 und 16 Uhr, sie können sich am Erhalt und der kulturellen Nutzung dieses historischen technischen Guts beteiligen. 

Stückgut: Was war eigentlich vor dem Container? 

Die Entwicklung des Stückgut-Transports ist auf dem MuHaHar-Gleis am Lotsekai sehr gut zu erkennen: Die drei Waggons, die der Verein aufgestellt hat, stehen für die Entwicklungs- schritte des Transportwesens: 

Zu Beginn und für lange Zeit wurde von Hand beladen, alles wurde durch eine Seitentür in den Waggon verstaut und drinnen an die richtige Stelle gelegt. Dafür steht der „G-Wagen“ ganz links. – Mit dem Aufkommen der Gabelstapler („Flurförderzeuge“) wurden Paletten bewegt, auf denen Stückgut gebündelt werden und in einem Schwung mit Kraftunterstützung in die Waggons geladen werden konnte. Dafür erforderliche größere Öffnungen wurden mit den Schiebewand-Wagen geschaffen, wo die Gabelstapler von außen jeden Ort des Waggons erreichen konnten. Der mittlere Waggon, ein „Hbis“ ist so ein Vertreter mit Aluminium-Schiebewänden – übrigens war das Harburger Ausbesserungswerk deutschlandweit genau auf diesen Typen spezialisiert. Mit der Containerisierung ab den 70er-Jahren des vergangenen Jahrhunderts konnte die Waggonbeladung weiter beschleunigt werden, indem Container mit Stückgut „vorgepackt“ wurden und komplett befüllt auf Flachwaggons gestellt wurden. Dafür steht der rechte „Klms“, ein Flachwaggon, der u.a. für Transport von Fahrzeugen und für Schüttgut im Bauverkehr geeignet war und aus dem die heutigen Containertragwagen entwickelt wurden. Schnelligkeit ist alles – in der Wirtschaft und bei der Bahn- Logistik.

Bahn-Umschlag am Lotsekai seit 1897 

Die Kaimauer nördlich des Lotsekanals wurde erst in der zweiten Ausbaustufe des Hafens errichtet, wodurch der Lotsekai entstand. Von Anfang an dabei war die Eisenbahn, die die dortigen Güterschuppen und Lagerplätze anfuhr. 

Wo heute der gelbe Liebherr-Kran des MuHaHar steht, entstand der „Harburger Kohlenhof Knust“, wo mit Kranen Kohle aus Schiffen und Schuten geschaufelt und an Land zwischengelagert oder direkt in Waggons, auf Pferdefuhrwerke oder Handwagen umgeladen wurde. Wilhelm Mulch als Mitarbeiter übernahm das Geschäft unter seinem Namen zwischen den Kriegen und führte es durch schwierige Zeiten. Sein Sohn erkannte, dass der Kohleumschlag zurückgehen würde und nahm den Heizöl- Handel ins Portfolio auf. Da man aber mit Kran und Greifer umzugehen wusste, wurde um 1970 in neue Krane investiert, mit denen dann alles umgeschlagen wurde, was man baggern konnte, sogenanntes Schüttgut: Sand, Steine, Getreide, Salze, Chemikalien, Kohle. Bis 2006 hielt das Geschäft an, als man einen geplanten Umzug an das 1. Seehafenbecken vorziehen musste, weil ein Tornado die Krananlagen beschädigt hatte.

Ein Kran konnte bewahrt werden – der gelbe Liebherr-Kran. – Am Ost-Ende des Lotsekais wurde Futtermittel gemischt und gehandelt durch die Fa. Münder & Jentzsch. Diese Tätigkeit wurde Ende der 70er Jahre von der in Harburg ansässigen Fa. Neven & Grube fortgesetzt, und 1980 entschloss man sich, gebraucht einen leistungsfähigeren Umschlagkran aus einem anderen Teil des Binnenhafens zu erwerben und dort aufzustellen. Hier wurden die Rohstoffe entladen aus Eisenbahn und Schiffen, und nach Produktmischung und -abfüllung per Kran wieder verladen. Mit der Betriebseinstellung Ende der 90er Jahre wurden Gebäude und Kran verkauft. Die Umnutzung des Gebäudes zu Büros und Werkstätten ist heute gut sichtbar, den Kran konnte gut 15 Jahre später der Verein MuHaHar übernehmen und restaurieren. Auch hier sind die Eisenbahnanlagen sichtbar. 

Mit dem Ensemble der drei Waggons und der zwei Hafenkrane erinnert der Verein exemplarisch an die Unternehmen, die am Lotsekai tätig waren und damit einen Teil der Industriegeschichte Harburgs ausmachen. 

Harburg: ohne Eisenbahn gar nicht denkbar 

1847, da war die Eisenbahn erst 12 Jahre in Deutschland bekannt, traf der erste Zug von Hannover kommend in Harburg ein. Damit war der neue Hafen im Auftrag des hannoverschen Königshauses optimal für diese neue Art des Warenumschlags zwischen Wasser und Land, zwischen Schiff und Eisenbahn, geplant und eingerichtet worden. Harburg war früh dran, da der König nicht nur Hannover, sondern auch Großbritannien regierte und die dort erfundene Eisenbahn zu schätzen wusste. 

So gab es einen Kopfbahnhof, dreiseitig von Wasser umgeben, dessen Güteranteil noch mal ausgeweitet wurde, als der Personenverkehr verlegt wurde an die 1872 entstandene Strecke, die über die Elbe nach Norden führt. 15 Gleise, 21 Waggondrehscheiben – Letztere dienten dazu, einzelne Waggons quer zur Hauptrichtung zu bewegen, zum Teil direkt in die umliegenden Industriebetriebe. 

Ein weit verzweigtes Netz von Zubringergleisen durchzog die Industriegebiete, die notwendigen Einrichtungen zur Wartung und Reparatur von Gleisen, Loks und Wagen entstanden drumherum. Die Eisenbahn war ein bedeutender Arbeitgeber. 

Erst die Veränderungen im industriellen Gefüge Harburgs, insbesondere im mit seiner Klein- teiligkeit für Großindustrie nicht mehr wirtschaftlichen Binnenhafen, führten zu umfangrei- chen Stillegungen und Rückbauten von Eisenbahnanlagen. Was blieb, ist der Durchgangsver- kehr und der Bahnhof – und viele Relikte im Stadtbild, auffällige und versteckte. Von dieser Geschichte zeugen die drei Waggons im Museumshafen, stehen sie doch auf ei- nem originalen Gleisabschnitt, der über die „Holzhafen-Klappbrücke“ die Schlossinsel be- diente und bis zum Jahr 2006 für den Umschlag verwendet wurde. Das Gleisbild gehört zum Denkmalschutz, und so ist es heute in der öffentlichen Fläche im- merhin Ort der verschiebbar angelegten Holz-Liegen. 

Günter Lange: Harburger Eisenbahner mit Leidenschaft 

Harburg und Eisenbahn – seit 173 Jahren untrennbar verbunden. Wer das am besten zu erzählen weiß: Günter Lange (81), bis zur Schließung des Bundesbahn-Ausbesserungswerkes Hamburg-Harburg vor genau 30 Jahren Werkingenieur und Leiter der Ausbildungswerkstatt. Eisenbahner durch und durch, ist er der richtige Berater im Verein für Eisenbahndinge. Er ist einer von vielen, die in der Industriestadt Harburg für die Bahn gearbeitet haben. „Ich komme aus einer Eisenbahnerfamilie. 1956 habe ich mit meiner Schlosserlehre im AW begonnen und bin bis zuletzt der Eisenbahn treu geblieben. Die Erinnerung hochzuhalten bewegt mich, und ich möchte Andere dazu motivieren.“ 

Zur Industrialisierung und dem Hafenumschlag gehört die Bahn zwingend dazu. Harburg ist heute „nur noch“ Bahnhofsknoten, deshalb eingerahmt von stadtbildprägenden Bahnlinien, die mehrheitlich als problemhafte Barrieren empfunden werden. Dass die Prosperität der Stadt jedoch dadurch möglich wurde, darauf können Eisenbahner auch heute noch stolz sein. 

In die denkmalgeschützten Hallen des Ausbesserungswerks, Günter Langes ehemaliger Arbeitsplatz, ist schon vor 15 Jahren ein Baumarkt der Bauhaus-Kette eingezogen, so dass die Räume erhalten und begehbar blieben. Wer also den Blick weg von den Verkaufsartikeln bewegt, findet Eisenbahngeschichte nicht nur in Wänden und Dach, sondern auch in bewahrten Teilen der Maschinenausstattung. Günter Lange kennt sie alle. Waggons, das „rollende Gut“, sind dort aber nicht zu sehen. Die finden sich im südlichen Hamburg einzig am Lotsekai, wo also ein Stück der Harburger Eisenbahngeschichte lebendig gehalten wird. 

Wer also Günter Lange und die Aktiven der Kranwerkstatt im Verein unterstützen möchte – durch Mitanpacken bei der Technik, bei den Veranstaltungen oder dem „Drumrum“ (Recherche, Dokumentation, Archiv, Kommunikation), ist herzlich eingeladen, dazuzustossen. Egal ob mit Eisenbahn-Vergangenheit oder einfach nur -begeisterung. Man sieht sich dann beim „Hafenarbeitstag“ am 3. Samstag im Monat, wo man auf dem Wasser und an Land gemeinschaftlich aktiv ist. Neueinsteiger herzlich willkommen! 

Der Verein Museumshafen Harburg e.V. wurde 2013 gegründet, hat inzwischen über 80 Mitglieder und bietet dem maritimen Herz Harburgs zu Wasser und zu Lande einen Ort der aktiven Erinnerung und Tätigkeit. Infos unter www.muhahar.de – oder mal vorbeikommen! 

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Andreas Scharnberg

Andreas Scharnberg ist freiberuflicher Journalist und betreibt nebenher sein eigenes und unabhängiges Projekt einer regionalen Onlinezeitung. Der Vater von 4 Kindern ist Experte in Sachen der Lebenshilfe, aktiver Gewerkschafter, politisch interessiert und engagiertes Mitglied beim Weissen Ring. Als Hamburger weiß er auch, wie es ist, im Regen zu stehen.

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