KolumnenNeu Wulmstorf

19 Tage vor Weihnachten: Im Seniorenpflegeheim „Haus am Marktplatz“ gehen die Lichter aus

Neu Wulmstorf. 108 Bewohner verlieren ihr Zuhause – mehr als 80 Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter ihren Arbeitsplatz. Ein Hilferuf an den stellvertretenden Bürgermeister der Gemeinde, Thomas Grambow (57). Schockstarre statt Vorweihnachtsstimmung im Haus am Marktplatz in Neu Wulmstorf: das Seniorenpflegeheim schließt zum 31.05.2021 seine Pforten. 108 Bewohner verlieren ihr Zuhause – mehr als 80 Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter ihren Arbeitsplatz.

Offenbar, weil die Betreibergesellschaft die längst fälligen Sanierungskosten nicht „stemmen“ will oder kann (siehe Schreiben ProVITA HeimbetriebsGmbH/Korian vom 02.Dezember 2020). Da sollen dann lieber die Heimbewohner über die Klinge springen. Die Kranken, die Alten, die Schwächsten. In Neu Wulmstorf regt sich der Volkszorn. Beim NETZWERK NORDDEUTSCHLAND stehen die Telefone nicht mehr still. Besorgte Mitbürger wollen wissen, was man tun kann, um die Heimplätze zu retten. In den ortsbezogenen Facebook-Portalen häufen sich die Wutkommentare. Aus dem Rathaus hört man bislang nichts. 

Zur Klärung der Situation startet das NETZWERK NORDDEUTSCHLAND gemeinsam mit der Internetzeitung AKTUELLES aus Süderelbe einen ersten Hilferuf an Thomas Grambow (57) –  den stellvertretenden Bürgermeister der Gemeinde Neu Wulmstorf:

Foto: Netzwerk Norddeutschland

Thomas, seit vielen Jahren stehst Du uns in allen sozialen und karitativen Aktionen zur Seite. Die Menschen hier kennen Dich und wissen, dass Du für ihre Sorgen und Nöte verlässlicher Ansprechpartner bist. 

Was sagst Du zur geplanten Schließung des Haus am Marktplatz?

Thomas Grambow: „Über die gerade erhaltene Information bin ich sehr erschrocken. Meine Gedanken sind natürlich bei den dortigen Bewohner, den Angehörigen und auch bei den Beschäftigten. Gerade zu Weihnachten und in der jetzigen Krise ist das eine für mich nicht für möglich gehaltene Entwicklung.“ 

Sind Dir mögliche weitere Hintergründe für die Schließung zum jetzigen Zeitpunkt bekannt?

108 Seniorinnen und Senioren kurz vor Weihnachten eine solche Hiobsbotschaft zuzumuten und mehr als 80 Menschen ihrer Jobs zu berauben, ist ja schon unglaublich dreist bis verantwortungslos, oder?

Thomas Grambow: „Über nähere Informationen verfüge ich noch nicht. Ich bin mir aber sicher, über die genauen Umstände, die zu diesen schlimmen Entwicklung geführt haben, zeitnah Weiteres, auch über unsere Gemeindeverwaltung, erfahren zu können.“

… ist das überhaupt rechtlich zulässig, armen, kranken und alten Menschen kurz vor Weihnachten den „Stuhl vor die Tür“ zu stellen?

Thomas Grambow: „Diese Frage werden besonders die betroffenen Bewohner und ihre Anwälte schnell klären können, da bin ich mir sicher. Was es jetzt vor allen Dingen braucht, ist, Zeit zu gewinnen.“

Wie steht die Gemeinde dazu, gibt es einen „Plan B“?

Thomas Grambow: „Einen vorbereiteten „Plan B“ wird es, meine Vermutung, in der Verwaltung dafür nicht geben. Aber aus den Erfahrungen von der letzten schlimmen Auflösung unseres Wohnheimes an der Hauptstraße wird die Verwaltung sicher zeitnah in der Lage sein, auf diese erneute Lage schnell und zielgerecht reagieren und hinarbeiten zu können.“ 

Das Problem „Bauruine MarktplatzCenter“ ist doch lange bekannt …?!

Thomas Grambow: „Bauliche Probleme zum Gebäudekomplex sind durchaus und langjährig bekannt. Ob diese und ggf. überhaupt in Verbindung mit der Schließung des Wohnheimes in eine auch tatsächlich ursächliche Verbindung zu bringen sind, bleibt aber abzuwarten.“

Du gilst hier als Politiker mit Herz, der auch in brenzligen Situationen immer eine Lösung zur Hand hat, immer bereit ist, sich mit Haut und Haar für die Schwachen einzusetzen.

Was könnte Deiner Meinung nach jetzt noch helfen, den Haus am Marktplatz-BewohnerInnen ihr Heim zu erhalten?

Thomas Grambow: „Sicher bedarf es dafür sehr schnell und zuerst einen neuen Betreiber sowie dann das Einvernehmen mit dem Eigentümer, den Betrieb des Seniorenwohnheimes an dieser Stelle und das zumindest befristet so weiter fortführen zu wollen.“

Die Gemüter kochen jetzt berechtigter- und verständlicherweise hoch, aber es sollte ja jetzt darum gehen, eine menschlich und sozial verträgliche Lösung für die Betroffenen zu finden. Darum noch einmal: was kannst Du tun? Was können wir tun? Was kann die Gemeinde tun? 

Thomas Grambow: „Die Gemeinde wird sich hierzu sicher zeitnah an die Betroffenen, Angehörigen und Beschäftigten wenden, sich mit diesen austauschen und ein mögliches weiteres Vorgehen gemeinsam abstimmen.

Weiter wird sich auch die Politik mit diesem Thema befassen. Denn es steht jetzt zu befürchten, das Neu Wulmstorf innerhalb weniger Jahre sein zweites Seniorenwohnheim verlieren wird. In Zeiten ansteigender Fallzahlen von Pflege und Betreuung erleben wir vor Ort eine total entgegengesetzte Entwicklung. Hier bauen wir keine neuen, modernen und weiteren Einrichtungen, sondern hier verlieren wir sie. Warum dieses so ist, wird zu betrachten sein. Hieraus wird sich nach meinen Vorstellungen das weitere politische Handeln für die Zukunft ergeben.“

Noch eine letzte Frage: gibt es schon eine Beratungshotline für Betroffene und ihre Angehörigen? Man muss den Menschen in dieser schlimmen Situation doch wenigstens eine „helfende Hand“ reichen …

Thomas Grambow: „Ich will mich in dieser Situation natürlich gerne anbieten, Hilfe zu sein, wenn diese gewünscht wird. Hierzu erreichen Sie mich auch über dieses Portal, mit dem ich seit vielen Jahren verlässlich zusammenarbeite und welches sich, wie ich in meiner Person, gleichfalls für die Menschen in Neu Wulmstorf und Region einsetzt. Für Fragen von Betroffenen und Mitbürgern habe ich unter der Mobilnummer 0157 – 73832740 gern ein offenes Ohr.“ 

Für das Spontan-Interview am Wochenende bedanken sich Sylvia Karasch, NETZWERK NORDDEUTSCHLAND & Andreas Scharnberg, AKTUELLES aus Süderelbe.

Auszug aus dem Kündigungsschreiben der ProVITA Heimbetriebsgesellschaft mbH an Bewohner, Angehörige und Betreuer vom 2. Dezember 2020

(Original liegt dem NETZWERK NORDDEUTSCHLAND vor)

„Zum 31. Mai 2021 läuft der Mietvertrag unseres Hauses am Marktplatz in Neu Wulmstorf aus. Um Ihnen dort auch in Zukunft ein attraktives Wohnumfeld bieten zu können, wären umfangreiche Modernisierungsmaßnahmen notwendig gewesen“, heißt es lapidar in dem Kündigungsschreiben der ProVita Heimbetriebsgesellschaft mbH vom 02.12.2010  an Bewohner, Angehörige und Betreuer (liegt dem NETZWERK NORDDEUTSCHLAND vor). Und weiter:

„Diese lassen sich im laufenden Betrieb allerdings nur schwer realisieren, was uns dazu bewogen hat, den Mietvertrag nicht mehr zu verlängern. Leider ist es uns bislang nicht gelungen, einen Nachbetreiber zu finden. Aus diesem Grund haben wir uns  (… ) entschieden, … den stationären Bereich unseres Hauses in Neu Wulmstorf zu schließen.“

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Andreas Scharnberg

Andreas Scharnberg ist freiberuflicher Journalist und betreibt nebenher sein eigenes und unabhängiges Projekt einer regionalen Onlinezeitung. Der Vater von 4 Kindern ist Experte in Sachen der Lebenshilfe, aktiver Gewerkschafter, politisch interessiert und engagiertes Mitglied beim Weissen Ring. Als Hamburger weiß er auch, wie es ist, im Regen zu stehen.

Sylvia Karasch

Sylvia Karasch arbeitet seit mehr als drei Jahrzehnten als freie Journalistin. Zu den Arbeitsschwerpunkten gehören Reportagen und Interviews genauso wie auch die Moderation vor der Kamera.

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