GeschichteNeugraben-Fischbek

Nazis waren auch in Neugraben sichtbar

Neugraben-Fischbek. Oft redet man über die Nationalsozialisten so, als wäre man nicht betroffen. Denn 76 Jahre nach der Befreiung des KZ-Auschwitz-Birkenau gibt es kaum noch Menschen, die persönlich von den schier unfassbaren Taten der Nationalsozialisten berichten können. Allein im Konzentrationslager Auschwitz wurden 1 Million Menschen getötet. Auf widerwärtigste und heimtückische Weise haben die Nazis sich auch noch an den „Ressourcen“ bedient und alles verwertet, was der Mensch so abwarf. Es ist an Niedertracht nicht zu überbieten.

Die Schlagzeilen der letzten Jahre zeugen davon, dass es wichtiger denn je ist, immer wieder von diesen Taten zu erzählen, die Erinnerungen wach zu halten. Man darf es nicht den Demokratiefeinden überlassen, die Schlagzeilen zu machen und mit Fake-News zu relativieren.

Im KZ-Außenlager Neugraben wurden 500 jüdische Frauen ausgebeutet

Es war eines von 86 Außenlagern des KZ-Neuengamme: Das Außenlager im Falkenbergsweg in Hamburg-Neugraben, etwa gegenüber des Gödecke-Michels-Weg gelegen. Faktisch befindet sich das Gelände des zwei Arbeitslager umfassenden KZ auf Hausbrucher Gebiet, denn östlich des Falkenbergsweg verläuft die Stadtteilgrenze. In diesem Lager mussten zunächst Zwangsarbeiter Behelfsheime bauen. Die Firma August Prien, die als Generalunternehmer für den Behelfsheimbau tätig war, belegte das Lager mit 500 italienischen Militärinternierten. Im Sommer 1944 wurde der Lagerkomplex geräumt; über den Verbleib der italienischen Militärinternierten danach ist nichts Näheres bekannt.

Ab dem 13. September 1944 gehörte das Lager dann zum KZ-Neuengamme. 500 Frauen mussten hier für Firmen wie beispielsweise Prien, Wesseloh und Ziegelei Malo beim Bau von Behelfswohnheimen und beim Ausheben eines Panzergrabens helfen. Die Frauen mussten arbeiten bis sie umfielen; Vernichtung durch Arbeit nannten die Nazis diese Lösung der Judenfrage.

„Sage nicht, du hättest von nichts gewusst!“

Im Gegensatz zu den eigentlichen Konzentrationslagern befanden sich die Außenlager in Wohngebieten und somit in Sichtweite der Bevölkerung. Zweimal am Tag, morgens auf dem Weg zur Arbeit und abends auf dem Weg ins Lager zurück, zog die Reihe der ausgemergelten Frauen in zerlumpter KZ-Häftlingskleidung an den Häusern der Bewohner entlang. Niemand hätte eigentlich behaupten dürfen, er hätte von nichts gewusst und auch nie etwas gesehen, denn die Bewohner sahen die Frauen täglich in Neugraben arbeiten oder zur Arbeit marschieren.

Nur wenige überlebten die Zeit

Nachdem das Konzentrationslager Neuengamme im April 1945 aufgelöst wurde, waren die Frauen nach Bergen-Belsen verlegt worden. Dort wurden sie eine Woche später von der britischen Armee befreit. Nur wenige der Frauen überlebten die Zwangsarbeit. Viele starben auch nach dem Krieg noch an den Folgen der Unterernährung.

Nachdem der Gedenkstein an das Konzentrationslager im Falkenbergsweg mehrfach zerstört wurde, hat man vor dem Ortsamt im Zentrum von Neugraben einen Gedenkplatz eingerichtet. Dort finden sich auch am 27. Januar 2021 wieder zahlreiche Mitbürger zum Gedenken ein.

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Andreas Scharnberg

Andreas Scharnberg ist freiberuflicher Journalist und betreibt nebenher sein eigenes und unabhängiges Projekt einer regionalen Onlinezeitung. Der Vater von 4 Kindern ist Experte in Sachen der Lebenshilfe, aktiver Gewerkschafter, politisch interessiert und engagiertes Mitglied beim Weissen Ring. Als Hamburger weiß er auch, wie es ist, im Regen zu stehen.

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