Harburg

Post-Beschäftigte wollen auf Betriebsversammlung am 27. April Dampf ablassen

Harburg. Brief- und Verbundzusteller bei der Deutschen Post AG haben die Faxen dicke. Seit Wochen machen Beiträge in einem großen sozialen Netzwerk die Runde, in denen sich Deutschlands Postler Luft machen. Auch in Hamburgs Zustellstützpunkten sind Zustellerinnen und Zusteller am Ende ihrer Kräfte

Das Selbstverständnis der Deutschen Post AG

Deutsche Post – Die Post für Deutschland. Der Auftritt der Deutschen Post ist mehr als üppig und spart nicht an Superlativen. Nach Außen wird das Team Deutschland beschwört, die Post als zuverlässiger Dienstleister mit dem #1Team. Die Zustellung als Kernkompetenz, an jeden Ort. Und das Unternehmen wird in persönlichen Briefen an die Mitarbeitenden nicht müde, den Zusammenhalt zu propagieren. Der Blick in das hauseigene Mitarbeitermagazin wirkt auf viele Angestellte wie ein Sammelwerk schön geredeter Vorzeigeprojekte.

Doch wie sieht es hinter den Kulissen wirklich aus? 

“Die Arbeitsbelastung ist enorm und war vor Monaten auch schon Schlagzeile in den Medien”, sagt uns ein Mitarbeiter aus dem Zustellstützpunkt Harburg. Das sei aber längst nicht das einzige Problem der Post, sondern vielmehr das Ergebnis einer völlig aus dem Ruder laufenden Mitarbeiterführung. Zudem könne die offizielle Linie, die die Post in ihren Mitarbeiterinformationen mitteilt und die Realität vor Ort, nicht weiter auseinanderliegen. 

Mitarbeiter werden zur unbezahlten Mehrarbeit aufgefordert

Um eine Überarbeitung der Zustellkräfte zu vermeiden, gelten strikte Dienstzeiten, die einzuhalten sind. Wird dagegen verstoßen, so handelt es sich um Schwarzarbeit, so ein ver.di Sprecher. Darüber gab es bereits mehrfach auch Aufklärung von Seiten des Betriebsrats, sogar die Firmenleitung hat dies im letzten Jahr in einem Brief an die Mitarbeiter betont. Doch vor Ort in den Zustellstützpunkten agieren Team- und Standortleiter allzu oft anders und fordern in Einzelfällen sogar aktiv Mitarbeiter zur unbezahlten Mehrarbeit auf.

Sendungsmengen nehmen aktuell zu, aber perspektivisch ab

Vor Ort muss das geplante in die Tat umgesetzt werden. Ohne Frage steht die Post vor großen Herausforderungen, denn ihr ehemaliges Kerngeschäft, die Briefpost, hat sich in den letzten zehn Jahren halbiert. Während 2010 noch 20 Briefe auf ein Paket kamen, waren es 2020 nur 8 Briefe. Für 2030 geht der Konzern von 3 Briefen auf ein Paket aus. Gleichwohl steigen die Sendungsmengen der Paketsparte noch immer enorm. So sind in Deutschland laut statista.com  2016 1.227 Mio. Pakete, über 1.400 Mio. in 2019 und 1.818 Mio. in 2021 befördert worden. Die Pakete sind also das neue Kerngeschäft des Konzerns. Kein Wunder also, dass die so genannte Verbundzustellung inzwischen zum Standard in den meisten Zustellstützpunkten der Post gehört. Das bedeutet, die Zusteller fahren mit Autos sowohl Briefe, als auch Pakete aus.

Post will Zustellung flexibler gestalten und schafft Stammbezirke ab

Seit zwei Jahren hat die Deutsche Post AG umfangreiche Änderungen in den Strukturen vorgenommen und etwa die Montagszustellung eingeführt, bei der ein Zusteller zwei Zustellbezirke übernimmt. Weitere flankierende Maßnahmen sehen vor, dass man pro Tag 15 Minuten bezahlte Überstunden machen darf, solange das Arbeitszeitkonto nicht ausgeschöpft ist. Das reicht aufgrund subjektiv vorgenommener Bemessungen hinten und vorn nicht. Wie genau eine Bemessung der Touren vorgenommen wird, weiß eigentlich kaum ein/e Zusteller/in. Es ist bekannt, dass Laufwege erfasst und nach einem bestimmten Schlüssel zeitlich bewertet werden. Ob das Alter der Zustellenden, die Wetterverhältnisse oder die Verkehrslage berücksichtigt werden, bleibt unklar. Fakt ist aber, dass es Zustellerinnen und Zusteller gibt, die ständig Minusstunden leisten und welche, die immerzu Abbrüche hinlegen, weil sie zu vielen Belastungen ausgesetzt sind. 

Gewerkschaft fordert die Deutsche Post auf, die Flexibilisierung zurückzunehmen

“Sehr geehrte Damen und Herren im Posttower, nehmen Sie endlich zur Kenntnis, dass wir jeden Tag nicht besetzte Zustelltouren, Zustellabbrüche und Aufteilungen haben. Wenn die Zustellerinnen und Zusteller nicht so flexibel wären, würde in manchen Niederlassungen das Licht ausgehen. Das ist die betriebliche Wahrheit! Zur Wahrheit zählt aber auch, dass nicht alle Kolleginnen und Kollegen gleich sind, nicht alle 28 Jahre alt, nicht alle gesund und auch nicht alle gleich groß sind. Auch das muss ein Arbeitgeber wissen und berücksichtigen. Ein komplett flexibler Zusteller im Sinne des Towers ist damit eine utopische Vorstellung.”, sagt ein Sprecher der DPVKOM, einer Postgewerkschaft. Aber auch die ver.di Dienstleistungsgewerkschaft sieht die enormen Belastungen und fordert schnelle Verbesserungen.

Arbeitgeber duldet trickreiches Arbeiten

Durch den enormen Druck, der in den Zustellstützpunkten aufgebaut wird, wissen sich die Beschäftigten nicht anders zu helfen, als trickreich zu arbeiten. Dabei werden gelegentlich Wurfsendungen entsorgt, die zugestellt werden müssten oder beispielsweise erst am nächsten Tag zugestellt. Oder an die Bewohner eines bestimmten Hauses adressierte Dialogpost, die eigentlich einzeln in den Briefkasten einzulegen ist, wird einfach im Hausflur abgelegt. Mehrere Pakete in einem Hauseingang werden vereinzelt auch gleich alle dem ersten öffnenden Kunden übergeben.

“Die Stammzustellerinnen und Stammzusteller waren immer der Vorteil zu den Mitbewerbern. Nicht nur, dass die Stammzusteller schneller sind, weil sie genau wissen, wann wer zu Hause ist und wann sie ein Paket gleich beim Nachbarn abgeben können und dadurch effektiver sind, sondern auch der vertrauensvolle Kontakt zum Kunden bleibt auf der Strecke. Das wird sich sicher rächen“, ist eine Mitarbeiterin aus der Verwaltungsebene besorgt.

Screenshot aus einer großen Deutschen Postgruppe, ähnliche Kommentare finden sich dort viele.

Krankenstand und unzufriedenheit sind hausgemacht

Nicht nur der Arbeitsdruck ist sehr hoch, sondern auch die Strukturen sind verkrustet und von gestern. So sehen das jedenfalls viele Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter, die schon länger dabei sind. Beispiel Arbeitszeit: Während es Gleitzeit auf der Büroebene gibt, sind die Zustellenden an einen penibel einzuhaltenden Arbeitsbeginn gebunden. Zu spät kommen wird sanktioniert, obwohl die Fehlzeit am selben Tag an das Ende angehangen wird. Zu oft zu spät? Dann kann es passieren, dass Zustellende, Betriebsrat und Arbeitgebervertreter sich Zeit nehmen, um ein Gespräch zu führen, an deren Ende eine Abmahnung steht. Auch die Kommunikation in den Zustellstützpunkten wird von einigen Beschäftigten als nicht angemessen bewertet, etwa wenn mit Unterstellungen und Vorwürfen, oft auch in der Gegenwart anderer Kollegen, gearbeitet wird. “Neue Kollegen sind dann auch gleich wieder weg, wenn Sie das Arbeitsklima und vor allem die enorme Belastung mitkriegen”, sagt eine Beschäftigte. 

“Ich habe das Gefühl, der Konzern versucht uns zu ver***chen, droht aufgrund der zurückgehenden Briefpost mit Stellenabbau. Dabei steigt und steigt die Belastung, zudem hat der Konzern 2021 nahezu 70% gegenüber 2020 zugelegt und den Gewinn von drei Milliarden Euro auf 5,1 Milliarden gesteigert. Und uns einem vom Pferd erzählen, das geht nicht mehr lange gut!” Betriebsräte und Gewerkschaften trommeln für die Betriebsversammlung am 27. April. Dort wird erwartet, dass die Postler dem Arbeitgeber klar machen wollen, dass es nicht mehr lange so weiter geht. Ob dabei eine Urabstimmung zu einem Streik herauskommt, ist nicht sicher. 

Zeige mehr

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht.

Schaltfläche "Zurück zum Anfang"