Gesundheit

Ärztliche Versorgung im Süden Hamburgs ist eine Katastrophe

Süderelbe. Ob Hausarzt, Orthopäde, Kinderarzt oder Dermatologe. Die Zustände bei der Versorgung im Süderelberaum sind eine Zumutung. Abgesehen davon, dass die digitalen Möglichkeiten der Terminvereinbarung meistens absolut mangelhaft oder überhaupt nicht vorhanden sind, ist schon fraglich, ob es überhaupt einen Termin gibt. Das musste beispielhaft auch der Gast einer Familie aus Neugraben-Fischbek leidvoll erfahren. Der junge Mann ist eigentlich in Lübeck wohnhaft, aber der Liebe wegen Anfang Juni für einige Tage in Hamburgs Süden gewesen.

Dem 20-jährigen war in seiner Lübecker Wohnung eine Tür zugeschlagen, die Finger allerdings noch im Rahmen der Tür. Mit etwas Schmerzen trat er dennoch die Reise nach Hamburg an. In der Annahme, dass es sich um eine Prellung handelt, ignorierte der junge Mann den knapp noch aushaltbaren Schmerz. Doch das Kühlen des Fingers und Schmerztabletten verfehlten die Wirkung, der Schmerz wurde immer größer. Einige Tage später nahm die Freundin den Kontakt zu ihrem Hausarzt auf, der lehnte die Behandlung mit dem Verweis auf Überfüllung aber ab.

Als die Schmerzen auch am Nachmittag immer schlimmer wurden, machten sich die beiden auf den Weg in die Notaufnahme der Asklepios Klinik Harburg. Doch auch dort wurden sie kurzerhand wieder weggeschickt, ohne das ein Arzt sich den Finger angesehen hatte. Der junge Mann entschloss sich, die Sachen zu packen und zurück nach Lübeck zu fahren, um seinen Arzt aufzusuchen. Der stellte fest, dass der Finger im Bereich der Kuppe gebrochen war. Die Diagnose hatte nicht einmal eine Minute Zeit in Anspruch genommen.

Viele der Einwohnerinnen und Einwohner in den neuen Quartieren Vogelkamp und Fischbeker Heidbrook haben sich in den vergangenen Monaten Ärzte im Hamburger Speckgürtel gesucht. Doch auch in Buchholz, Seevetal, Buxtehude oder Neu Wulmstorf ist es inzwischen kaum noch möglich, passende Ärzte zu finden. Die Kassenärztliche Vereinigung Hamburg beteuert, dass Hamburg insgesamt ausreichend Ärzte habe, sie seinen bestenfalls nicht optimal verteilt.

Dr. Gudrun Schittek Foto: Bündnis 90 / Die Grünen

Doch auch ein anderer Trend bereitet Sorgen: So ziehen immer mehr private Investoren durch die Einrichtung von medizinischen Versorgungszentren (MVZ) Arztsitze an sich. Gudrun Schittek, gesundheitspolitische Sprecherin der Grünen Bürgerschaftsfraktion: „Sind Arztsitze einmal an private Investoren verkauft, wird in den Praxen unter anderen Bedingungen gearbeitet. Denn wo Investoren Gewinne erwirtschaften wollen, steht nicht mehr alleine das Wohl der Menschen im Mittelpunkt. Über den Umweg einer Beteiligung an einer Klinik ist es Investoren möglich, medizinische Versorgungszentren in ganz Deutschland zu gründen. In manchen Fachgebieten sind kaum mehr niedergelassene Ärzte zu finden. Labormedizin wird in Hamburg zu 100% in MVZ erbracht, Nierenheilkunde zu 87% und Radiologie zu 49%. In anderen Fachbereichen gibt es ebenfalls steigende Trends. Diese Entwicklung macht uns große Sorgen. Denn die Struktur und die Qualität in der ambulanten Versorgung sind dadurch gefährdet. Die Gründung von MVZ muss für Investoren stärker reguliert werden. Im ersten Schritt brauchen wir dringend mehr Transparenz über die Eigentumsverhältnisse. Wer eine Praxis betritt, soll wissen, ob Gewinne aus der Behandlung möglicherweise abgeschöpft werden. In weiteren Schritten müssen neue Gesetze im Bund verhindern, dass sich Investoren an den Beiträgen der Versicherten bereichern können. Es darf keinen Ausverkauf des Gesundheitswesens geben!“

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Ein Kommentar

  1. Hallo,

    ich wohne in Neu Wulmstorf und es auch eine Katastrophe.
    Bei unseren örtlichen Orthopäde steht man Schlange. Teilweise stehen geh behinderte älter Menschen stundenlang an, nur um weg geschickt zu werden. Viele Ärzte sind nicht mehr telefonisch erreichbar. Die gehen einfach nicht ans Telefon. Dieser Zustand ist nicht mehr tragbar.

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