Gesundheit

Fachkräftemangel und Bürokratie: Krankenhäuser stehen vor der Zerreißprobe

Stade. Die Krankenhäuser in der Elbe-Weser-Region schlagen Alarm: In Stade haben heute Vertreter von acht Klinikstandorten gemeinsam unter dem Motto „Die Krankenhäuser stehen vor der Zerreißprobe“ auf ihre massiv angespannte Lage aufmerksam gemacht und den dringend notwendigen Handlungsbedarf aufgezeigt. Vertreten waren die Elbe Kliniken Stade-Buxtehude, die Klinik Dr. Hancken in Stade, das OsteMed Klinikum Bremervörde, das Agaplesion Diakoniekrankenhaus Rotenburg, das Kreiskrankenhaus Osterholz sowie die Aller-Weser-Klinik Achim/Verden. Anhand von zwei LKWs, die symbolisch ein Krankenhausbett auseinanderziehen, wurden die enormen personellen und finanziellen Belastungen dargestellt, denen die Krankenhäuser derzeit ausgesetzt sind.

„Die Situation der Krankenhäuser ist so angespannt wie nie zuvor, betont Siegfried Ristau, Geschäftsführer der Elbe Kliniken Stade-Buxtehude und der OsteMed in seiner Funktion als Vorsitzender der Bezirksarbeitsgemeinschaft Elbe-Weser der Niedersächsischen Krankenhausgesellschaft (NKG). „Die Pandemie, der Fachkräftemangel, die Inflation, die unzureichende Finanzierung und viele weitere Faktoren belasten die Kliniken in einem bedrohlichen und teils existenzgefährdetem Ausmaß. Die Politik muss zügig handeln, bevor es zu spät ist.“, ergänzt er.

Die alteingesessene Klinik für Tumortherapien und Schilddrüsenerkrankungen ist von der Kostenexplosion im Energiesektor besonders hart getroffen. Dr. Christoph Hancken, Geschäftsführender Gesellschafter der Klinik Dr. Hancken GmbH, erläutert: „In unseren acht MVZ betreiben wir als Kooperationspartner der regionalen Krankenhäuser in der Elbe-Weser-Region dutzende medizinische Großgeräte wie MRT, CT, Röntgengeräte und Linearbeschleuniger für die radiologische Diagnostik und Therapie. Diese modernen Hochleistungsgeräte liefern präziseste Ergebnisse bei einem allerdings auch hohen Energieverbrauch, der nicht nur bei den Untersuchungen und Behandlungen anfällt sondern auch in den Ruhezeiten beispielsweise für die Klimatisierung der Anlagen. Um die medizinische Versorgung der Bevölkerung in unserer Region auf dem bisher erreichten hohen Niveau auch weiterhin garantieren zu können, brauchen wir Sicherheit bei der Energieversorgung, aber auch verlässliche Zusagen für die Kompensation der Preis- und Kostensteigerungen.“

„Ich erwarte, dass die Politik endlich wach wird und die Not der Krankenhäuser erkennt und handelt, so Marianne Baehr, Geschäftsführerin der Aller-Weser-Klinik Achim/Verden. Und ergänzt: „Wenn die Politik nur noch bestimmte Krankenhäuser überleben lassen will, dann muss das offen gesagt werden. Wir haben einen fairen Umgang verdient und kein Sterben auf Raten durch mangelnde Finanzierung oder durch nicht nachvollziehbare personelle Anforderungen, die für manches Krankenhaus der Grundversorgung kaum umsetzbar sind.“

Die Veranstaltung in Stade fand im Rahmen einer landesweiten Aktion der niedersächsischen Krankenhäuser gemeinsam mit der Krankenhausgesellschaft statt. Hintergrund ist eine bedrohliche Zuspitzung der wirtschaftlichen Schieflage der Krankenhäuser durch starke Kostensteigerungen für Energie, medizinische Produkte, Medikamente sowie Lebensmittel. Aufgrund des starren Finanzierungssystems können die Krankenhäuser diese Mehrkosten nicht in Form von Preiserhöhungen weitergeben. Parallel dazu haben die Kliniken nach wie vor mit gravierenden personellen und wirtschaftlichen Belastungen infolge der Corona-Pandemie zu kämpfen. Seit dem ersatzlosen Auslaufen des Corona-Rettungsschirms im Juni werden die finanziellen Einbußen jedoch nicht mehr abgefedert. 

Fachkräftemangel, überbordende Bürokratie sowie eine ungenügende Investitions- und reformbedürftige Betriebskostenfinanzierung belasten die Kliniken bereits seit Jahren, ohne dass eine Verbesserung absehbar ist. Im Gegenteil: Die wirtschaftliche Lage der Krankenhäuser im Land verschlechtert sich zunehmend. Umfragen der NKG zufolge sind inzwischen mehr als drei Viertel der niedersächsischen Krankenhäuser mittel- bis langfristig in ihrer Existenz bedroht. In den Vorjahren traf dies auf rund zwei Drittel der Krankenhäuser zu. Der NKG zufolge ist damit die aktuelle Situation für viele Krankenhäuser existenzgefährdend. Wie die stationäre Versorgung unter den gegenwärtigen Bedingungen künftig flächendeckend und in der gewohnt hohen Qualität gewährleistet werden kann, ist fraglich. Nicht zuletzt angesichts einer erneut drohenden Pandemiewelle im Herbst und Winter ist kurzfristig ein Inflationsausgleich zur wirtschaftlichen Absicherung der Krankenhäuser erforderlich.

Über akute Hilfsmaßnahmen hinaus muss mittelfristig das System der Krankenhausfinanzierung durch den Bund reformiert werden. Dieses setzt Fehlanreize und hat den Krankenhäusern im bisherigen Verlauf der Pandemie Defizite beschert, die nicht mehr kompensiert werden können. Angesichts eines Investitionsstaus von 2,5 Mrd. Euro für Krankenhausbauprojekte in Niedersachsen ist darüber hinaus eine dauerhafte Erhöhung der Investitionsmittel durch das Land erforderlich. Wichtige Investitionen etwa für Digitalisierung und Klimaschutz können die Krankenhäuser nicht aus eigener Kraft aufbringen.

Entscheidend für die Krankenhäuser sind zudem politische Weichenstellungen für eine bessere Personalausstattung. Die Pandemie hat gezeigt, dass mit Blick auf die Versorgungssicherheit das Personal der limitierende Faktor ist. Die Beschäftigten in den Krankenhäusern sind im dritten Jahr der Pandemie mit ihren Kräften am Ende. Wiederholte Phasen extremer Belastung haben angesichts dünner Personaldecken deutliche Spuren bei den Mitarbeitenden hinterlassen. Aufgrund der Corona-Sommerwelle und den damit einhergehenden Personalausfällen zeichnet sich auch jetzt keine Atempause für die Beschäftigten ab. Mit Blick auf den Herbst ist das besorgniserregend. Nach Ansicht der Krankenhäuser ist es deshalb erforderlich, das Klinikpersonal schnellstmöglich von den umfangreichen bürokratischen Dokumentationspflichten zu entbinden. Die gewonnene Zeit könnte unmittelbar für die Patientenversorgung genutzt werden. Die Krankenhäuser erhielten zudem mehr Spielraum in der Personalplanung, wenn Pflegepersonaluntergrenzen erneut ausgesetzt würden.

Besonders bitter ist aus Sicht der Krankenhäuser, dass das politische Versprechen mit der Einführung von Pflegebudgets für eine vollständige Finanzierung und damit bessere Arbeitsbedingungen der Pflegenden zu sorgen, bislang nur unzureichend eingelöst wurde. In der Folge bleiben die Krankenhäuser auf den Kosten für zusätzlich eingestellte Pflegekräfte sitzen. Aufgrund derzeit geplanter Haushaltskürzungen auf Bundesebene besteht sogar die Gefahr, dass für weitere Berufsgruppen in der Pflege die Refinanzierung entfällt.

Marianne Baehr von der Aller-Weser-Klinik fasst zusammen: „Corona, Energiekriese, Preissteigerungen – alles wird teurer. Doch wir erbringen unsere Leistungen heute zu Preisen von gestern, die all diese Krisen nicht berücksichtigen. Die Firmen erhöhen einfach ihre Preise – wir dürfen das nicht und sollen trotzdem weitermachen wie bisher. Und im Notfall sollen wir jederzeit bereitstehen.“

Zeige mehr
AnzeigeIhre Zahlen klar im Blick Vergessen Sie den Alltag

Ein Kommentar

  1. Unstrittig ist, dass die Finanzierung der kommunalen Krankenhäuser nach dem derzeitigen System, bestehend aus einer Kombination von Fallpauschalen und einer Pflegepersonalkostenvergütung, die aktuell steigenden Kosten für Energie, Lebensmittel, Medikamente und anderer Sachkosten nicht widerspiegelt. Nun fordern die Geschäftsführer*innen unter anderen eine Aussetzung der Pflegepersonal- Mindestbesetzungsregeln zur Einsparung von Personalkosten, nennen aber im gleichen Zusammenhang die Personalprobleme durch Abwanderung in andere Tätigkeitsfelder oder in die Leiharbeit. Wenn zur Reduktion der Betriebskosten nun noch weniger Personal noch mehr Leistung erbringen soll, wird das der Abwanderung von Pflegekräften kaum entgegenwirken. Ferner merken die Geschäftsführer*innen an, das eine Gefährdung der Patientenversorgung bei einer weiteren Verschlechterung der Situation nicht ausgeschlossen ist. Hier muss ganz deutlich gesagt werden, dass diese Gefährdung der Versorgung bereits eingetreten ist. Auf Grund von Personalmangel sind Kliniken in Bremen und Niedersachsen im interdisziplinären Versorgungsnachweis (IVENA) häufig für bestimmte Notfallbehandlungen, Intensivtherapien oder Schockraumversorgungen abgemeldet. Das kann in übrigen jeder Bürger auf der Internetseite https://ivena-niedersachsen.de nachlesen. Die Abmeldungen der Kliniken haben zur Folge, dass die Rettungsdienste weitere Wege zurücklegen müssen, um für einen Patienten eine aufnahmebereite Klinik zu finden. Dadurch fehlen Rettungsmittel in den entsprechenden Bereichen und es kommt zu Zeitverzögerungen bei weiteren Einsätzen. In der Praxis kommt es vor, das für Patienten mit bestätigten Herzinfarkt Kliniken in 50 Kilometer Entfernung angeboten werden, da im Nahbereich keine Klinik aufnahmefähig oder aufnahmebereit ist. Dann kann als letzte Option eine Zwangszuweisung in eine nicht aufnahmebereite Klinik erfolgen, was zu Frust und Ärger bei allen beteiligten führt. Auch im Rettungsdienst ist inzwischen eine Personalabwanderung in die freie Wirtschaft zu beobachten. Wer statt 12 Stunden- Schichten mit viel Stress und Ärger einen Job als Werkssanitäter mit 8 Stunden-Dienst und Tarifvertrag der IG Metall bekommen kann, dem kann man nicht verdenken, sich für die bessere Bezahlung und mehr Freizeit zu entscheiden.
    So sollten sich die verantwortlichen im Gesundheitswesen einmal Gedanken machen, ob nicht andere Instrumente als das Drehen an der Personalschraube eingesetzt werden können, um die zunehmend bedrohliche Lage in der Patientenversorgung in den Griff zu bekommen. Wer die Zahlen der Auszubildenden im Pflegebereich mit dem Bedarf an Personal durch den demographischen Wandel in den nächsten 10-15 Jahren in Bezug setzt wird feststellen, dass die derzeitigen Probleme ein milder Vorgeschmack auf das sind, was uns in der Zukunft erwartet. Somit bleibt die Hoffnung auf bessere Zeiten und gute politische Weichenstellung der verantwortlichen im Gesundheitswesen.
    Mit besten Wünschen für gute Gesundheit

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht.