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Geschichte erleben: Einkaufswelt der 1950er bis 1970er Jahre im Freilichtmuseum Kiekeberg

Rosengarten. Einkaufen früher und heute – was hat sich verändert? Interessierte werfen einen Blick in das neu eröffnete Geschäftshaus des Freilichtmuseum Kiekeberg. Ab Sonntag, dem 13. November, von 10 bis 18 Uhr erkunden sie sechs Läden, eingerichtet mit typischen Waren und Dienstleistungen der 1950er bis 1970er Jahre: Textilwarengeschäft, Fotoladen mit Atelier, Drogerie, Zahnarztpraxis, Schlachterei und Elektrogeschäft mit Werkstatt. Zeitzeugen und das Museumsteam führen die Besuchenden durch das neue Geschäftshaus und durch die „Königsberger Straße“. Bei Mitmachmachaktionen kleiden Kinder Anziehpüppchen wie in den 1950er Jahren ein. Der Eintritt kostet 9 Euro für Erwachsene. Für Personen unter 18 Jahren und für Mitglieder des Fördervereins des Freilichtmuseums am Kiekeberg ist er frei.

Führung am Eröffnungstag im Freilichtmuseum Kiekeberg

Das Geschäftshaus im Freilichtmuseum verdeutlicht, wie die moderne Waren- und Dienstleistungswelt damals auch auf dem Lande einzog. Interessierte tauchen am Eröffnungssonntag in diese Einkaufswelt ein. Auf die Besuchenden wartet ein umfangreiches Programm aus Führungen, Vorführungen und Mitmachaktionen:

11 Uhr              öffentliche Führung durch die „Königsberger Straße“

13–15 Uhr        Kuratoren und Kuratorinnen geben Einblicke in die Läden des Geschäftshauses

13 Uhr              öffentliche Führung durch die „Königsberger Straße“ von Museumsdirektor Stefan Zimmermann

14 Uhr             Zeitzeugenführung im Quelle-Fertighaus mit Matthias Gröll, ehemaliger Bewohner

15 Uhr              Zeitzeugenführung an der 1950er-Jahre-Tankstelle mit Klaus und Horst Mehrtens, Söhne des Tankstelleneigentümers

ganztags          Vorführung des Uhrmacher-Handwerks mit Hermann Lindner zu mechanischen Uhren der 1950er Jahre, Reparaturservice

10.30–17 Uhr    Mitmachprogramm für Kinder: Anziehpüppchen der 1950er Jahre ankleiden

Die Adler Drogerie aus Trittau war eine der letzten Einzelhandelsdrogerien bundesweit. Über 50 Jahre erhielten Kunden von der Drogistin ein breites Sortiment, darunter auch Heilkräuter und Chemikalien für den Hausgebrauch. Interessierte sehen die Drogerie wie sie seit den 1950er Jahren eingerichtet war. Später kamen Hygieneprodukte und sogar Farben und Tapeten dazu.

In der Zahnarztpraxis Dr. Chrobok aus Stade fühlen sich Besuchende in die 1950er Jahre zurückversetzt. Sie sehen eine Behandlungseinheit, die damals sehr modern war: Behandlungssäule mit Stuhl und Lachgasbehälter.

Die Schlachterei Rötting aus Bremervörde, eingerichtet im Zeitschnitt der 1960er Jahre, symbolisiert, wie gekaufte Wurst die traditionelle Hausschlachtung ersetzt.

Das Textilgeschäft Gründahl aus Jork hat zunächst Bett- und Leinenwaren für die Aussteuer verkauft, später vor allem Näh-, Stick-, Strick- und Gardinenbedarf. Interessierte sehen den Verkaufs- und Arbeitsraum im Zeitschnitt der 1960er Jahre.

Foto Böhmer aus Winsen war ein typisches Fotofachgeschäft: Im Atelier ließ sich die Kundschaft zu einem besonderen Anlass fotografieren; die Negative wurden im eigenen Fotolabor entwickelt. Im Freilichtmuseum zeigt es die Einrichtung der frühen 1970er Jahre.

Das Elektrogeschäft mit Werkstatt ist eine Nachbildung eines üblichen Fachgeschäfts der 1960er Jahre. Zu sehen sind Fernsehgeräte, Radios, Musiktruhen, Lampen, sowie Haushaltsgeräte – in jener Zeit gehörte meist ein Reparaturservice dazu.

Jedes Geschäft stellt beispielhaft Innovationen für die Bewohner kleinerer Orte dar: lange Wege zu Ärzten fielen weg, Gemeinschaftskühlhäuser und ein eigener Viehbestand wurden zunehmend unwichtiger. Nach Zeiten der Not zeichnen sich im Wiederaufbau Mitte der 1950er Jahre ein Strukturwandel und steigender Wohlstand der Bürger ab. Es gibt das Bedürfnis die Mangeljahre nachzuholen. Auch auf dem Lande halten die moderne Warenwelt und der Konsum Einzug, weg von der traditionellen Selbstversorgung hin zur Nahversorgung. Immer mehr Elektrogeräte ziehen in die Haushalte ein: vom Kühlschrank und Waschvollautomaten über Musiktruhen und Fernseher bis zum Waffeleisen. Die Anwohner konnten – durch die neuen Medien beworbene – konfektionierte Textilwaren nun vor Ort kaufen.

Die historische Einrichtung der Drogerie Adler. Foto: Martina und Wilfried Rademund / Freilichtmuseum Kiekeberg

Der Landkreis Harburg war damals landwirtschaftlich und touristisch geprägt, allerdings noch wirtschaftsschwach. Die Mobilität spielte für die Menschen eine große Rolle im Hinblick auf die Arbeitswege bis zur Stadt Hamburg. Zur Verbindung von Stadt und Land sowie zur Steigerung der Lebensqualität wurde in den Ausbau der Infrastruktur investiert. Verkehrsgünstig gelegene Wachstumsgemeinden nahmen urbane Züge an: Es gab neue Geschäfte und eine Tankstelle im Ort.

Das Geschäftshaus selbst wurde am Kiekeberg nach historischen Bauplänen von 1961 rekonstruiert. Die Läden sind mit historischen Einrichtungen und weitgehend mit Originalexponaten ausgestattet. Vorbild für das Geschäftshaus war ein historischer Bauplan für eine Ladenzeile, die in Meckelfeld, einem damals stark angewachsenen Ort nahe der Hamburger Stadtgrenze, entstehen sollte. Das Gebäude wurde als Teil einer Wohnsiedlung geplant. Für die Wohnsiedlung wurden bereits 1961 zahlreiche Garagen errichtet, um die zahlreicher werdenden Autos sicher abseits des Straßenraums unterzubringen. Das Freilichtmuseum hat ebenfalls Garagen gebaut, die eigene historische Automobile und Motorräder zeigen. Das Geschäftshaus ist eins von fünf Gebäuden der noch entstehenden Baugruppe „Königsberger Straße“ im Freilichtmuseum und veranschaulicht die bundesweite Entwicklung von Dörfern in der Zeit von 1949 bis 1979.

Mit der „Königsberger Straße“ verdeutlicht das Freilichtmuseum am Kiekeberg, wie sich Menschen in West-Deutschland, unter anderem auch Flüchtlinge und Vertriebene, nach dem Zweiten Weltkrieg einen neuen Lebensstandard aufbauten. Nach der Währungsreform 1948 und insbesondere in den 1950er Jahren verbesserte sich die Lebenssituation: Improvisation und reine Bedarfsdeckung wichen immer mehr Freizeitgestaltung, Genuss und der Darstellung des eigenen Wohlstands. In dem Großprojekt „Königsberger Straße“ errichtet das Freilichtmuseum bis 2023 eine Baugruppe mit Gebäudetypen, die typisch für das Leben in der Nachkriegszeit sind und bis heute das Erscheinungsbild von Dörfern in ganz Deutschland prägen. Museumsdirektor Stefan Zimmermann erläutert: „Wir stellen dar, wie Einheimische, aber auch Neubürger die Aufbauzeit erlebten. In der Nachkriegszeit gab es, auch durch Flüchtlinge und Vertriebene, viele neue Impulse, die insbesondere auf dem Land einen Prozess der kulturellen und wirtschaftlichen Modernisierung anstießen.“

Das Projekt „Königsberger Straße. Heimat in der jungen Bundesrepublik“ besitzt bundesweite Bedeutung: Erstmals wird die Kulturgeschichte der Nachkriegszeit bis 1979 in der ländlichen Region erforscht und durch den Aufbau von Häusern und einer umfassenden Ausstellung gezeigt. Diese bundesweite Ausstrahlung verdeutlicht auch die Förderung durch die Beauftragte der Bundesregierung für Kultur und Medien in Höhe von 3,84 Millionen Euro. Der Zeitpunkt ist passend gewählt: Noch kann das Museum einzelne Nachkriegsgebäude im Originalzustand sichern, viele Menschen aus der Erlebnisgeneration geben ihr Wissen an die Wissenschaftler weiter und Dokumente der Zeit, von Bauunterlagen, der provisorischen Ersteinrichtung bis zum Fotoalbum, gehen in die Sammlung des Museums über. Dies ist das Gedächtnis für die folgenden Generationen.

Eine ganze Siedlung entsteht: Geschichte zum Anfassen im Freilichtmuseum Kiekeberg

Das Freilichtmuseum am Kiekeberg baut bis 2023 fünf Gebäude mit entsprechender Einrichtung auf, legt Gärten und Straßen an. In ihnen zeigen Ausstellungen auch politische, wirtschaftliche, soziale und kulturelle Entwicklungen in der Bundesrepublik. Bewohnergeschichten aus der Zeit illustrieren besonders eindringlich die individuellen Auswirkungen. Das Museum wählte Gebäude aus der Region mit aussagekräftigen Geschichten aus, die in gleicher Weise für die bundesrepublikanische Entwicklung stehen:

  • eine Tankstelle,
  • ein Flüchtlingssiedlungshaus,
  • eine Ladenzeile mit sechs Geschäften,
  • ein Siedlungsdoppelhaus
  • ein Fertighaus.

So finanziert das Freilichtmuseum Kiekeberg das Projekt

Zahlreiche Förderer unterstützen das einmalige Projekt „Königsberger Straße“. Ihr Ziel ist es, die kulturellen Zeugen der unmittelbaren Nachkriegszeit für die Nachwelt zu erhalten und die Aufbauleistung darzustellen. Die „Königsberger Straße“ im Freilichtmuseum am Kiekeberg wird gefördert durch die Beauftragte der Bundesregierung für Kultur und Medien (Bund), das Land Niedersachsen, den Landkreis Harburg, den Förderfonds Hamburg/Niedersachsen der Metropolregion Hamburg, die Stiftung Niedersachsen, die Stiftung Hof Schlüter, die Niedersächsische Sparkassenstiftung, die Stiftung der Sparkasse Harburg-Buxtehude, den Lüneburgischen Landschaftsverband, die Klosterkammer Hannover, die Niedersächsische Bingo- Umweltstiftung und den Förderverein des Freilichtmuseums am Kiekeberg. Das Gesamtprojekt ist auf 6,14 Millionen Euro angelegt.

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