Freilichtmuseum KiekebergRosengarten

Einkaufswelt der 1950er bis 1970er Jahre im Freilichtmuseum Kiekeberg nacherleben

Rosengarten. Einkaufen auf dem Land wie früher: Das Freilichtmuseum am Kiekeberg hat ein rekonstruiertes Geschäftshaus mit fünf Läden und einer Zahnarztpraxis aus den 1950er bis 1970er Jahren eröffnet. Bis auf eines erzählen alle Geschäfte mit ihrer historischen Einrichtung reale Familiengeschichten aus der Metropolregion Hamburg: Textil „Gründahl“ aus Jork, „Foto Böhmer“ aus Winsen, „Adler Drogerie“ aus Trittau, Schlachterei „Rötting“ aus Bremervörde und die Zahnarztpraxis Dr. Chrobok aus Stade – „Elektrotechnik und Reparaturen“ ist eine Nachbildung mit Originalexponaten. Hier können Besuchende bei Führungen durch die Läden, aber auch an der Tankstelle und durch das Quelle-Fertighaus in die Vergangenheit reisen und Erinnerungen aufleben lassen. Das Geschäftshaus ist ein Baustein des Projekts „Königsberger Straße“. Das Freilichtmuseum am Kiekeberg ist ganzjährig dienstags bis freitags von 9 bis 17 Uhr und am Wochenende sowie feiertags von 10 bis 18 Uhr geöffnet. Der Eintritt kostet 9 Euro für Erwachsene und ist frei für Personen unter 18 Jahren.

Das neue Geschäftshaus im Freilichtmuseum veranschaulicht die rasante Entwicklung der Konsumkultur nach entbehrungsreichen Kriegsjahren. Museumsdirektor Stefan Zimmermann erklärt: „Volle Schaufenster, die sich über Nacht wieder füllten und eine immer größer werdende Auswahl an Produkten wurden als Garant für ein gutes Leben empfunden – Konsum als Versprechen auf die endgültige Abschaffung von Mangel und Not. Vor diesem Hintergrund zeigen wir in den Läden und der Praxis ganz individuelle Betriebsgeschichten und Lebenswege der einstigen Inhaberinnen und Inhaber.“ Vor allem ihnen dankte Stefan Zimmermann bei der Eröffnung für den „Vertrauensvorschuss“, in dem sie ihre Biographien, Erzählungen, Erlebnisse und Anekdoten in die Hände des Museums gelegt haben.

Zofia Durda, inhaltliche Projektleiterin der „Königsberger Straße“, freut sich, dass mit dem Geschäftshaus nun auch die Konsum- und Einkaufswelt in das Freilichtmuseum einzieht: „Es sind sechs verschiedene Ausstellungen, jede mit ihren Besonderheiten. Wir haben die Geschäfte mehrheitlich im Zeitschnitt der 1960er Jahre eingerichtet, weil die Bundesdeutschen damals bereits eine Massenkonsumgesellschaft waren. Viele der hier präsentierten Waren und Dienstleistungen sind heute so nicht mehr zu finden.“ Beispielhaft nennt sie für die Drogerie das Anmischen von Salben oder den Kauf von Tapeten und Farben, für das Elektrofachgeschäft die Röhrenradios und Musiktruhen und für Textil „Gründahl“ die Befüllung von Kissen mit Daunen und ihre Reinigung.

Die historischen Läden im Überblick:

Die Adler Drogerie aus Trittau war eine der letzten Einzelhandelsdrogerien bundesweit. Über 50 Jahre erhielten Kunden von der Drogistin Anna Redemund ein breites Sortiment, darunter auch Heilkräuter und Chemikalien für den Hausgebrauch. Verena Pohl, Kuratorin im Freilichtmuseum, freut sich, dass die Einrichtung von 1962 noch so gut erhalten ist. Martina Redemund, Tochter der letzten Eigentümerin, erklärt: „Während der Blütezeit der Drogerien waren Drogisten dank ihrer fundierten Kenntnisse wichtige Ansprechpartner für viele Fragen zu Haus und Hof: kleine Wehwehchen, Hygiene, Schädlingsbekämpfung und andere Lebensbereiche.“

In der Zahnarztpraxis Dr. Chrobok aus Stade sehen Besuchende nicht nur eine originale Behandlungseinheit, die 1954 hochmodern war. Grischa Nehls, Kurator am Kiekeberg, zeigt sich vor allem beeindruckt von der Geschichte über Flucht, Heimatfindung, Existenzaufbau und Zusammenhalt: Die ganze Familie half Hans Chrobok mit allen Ersparnissen dabei, in eine Zahnarztpraxis einzusteigen. Sein Sohn Steffen Chrobok, ebenfalls Zahnarzt, erklärte, wie wichtig es ihnen war, keine Schulden zu machen und Anschaffungen sollten ein Leben lang halten. Bis 1969 benutzte sein Vater die Geräte und lagerte sie anschließend ein – ein Glücksfall für das Freilichtmuseum.

Die Schlachterei „Rötting“ aus Bremervörde ist eingerichtet im Zeitschnitt der 1960er Jahre und zeigt, wie gekaufte Wurst zunehmend die traditionelle Hausschlachtung ersetzte. Der Betrieb war mehr als 250 Jahre über sechs Generationen im Familienbesitz, zuletzt von Änne Rötting. Chris Stölting, Kurator im Freilichtmuseum, erzählt, dass sie 1951 eine Sondergenehmigung einholte, um als Frau die Schlachterei führen zu dürfen. Ihre Nachfahrin Christine Plehn erklärt: „Sie wollte den Laden nicht aufgeben und brauchte dafür einen Meister.“ Den stellte sie ein – er blieb 30 Jahre. „Die Gekochte, die es jeden Donnerstag gab, war weltberühmt,“ erinnert sich Christine Plehn.

Das Textilgeschäft „Gründahl“ aus Jork hat zunächst Bett- und Leinenwaren für die Aussteuer verkauft, später vor allem Näh-, Stick-, Strick- und Gardinenbedarf. Zofia Durda, Projektleiterin und Kuratorin im Museum, freut sich darüber, dass neben dem Mobiliar und der Werkstatt aus den 1960er Jahren auch viele Stoffe und Bänder aus dem Laden zu sehen sind.“ Die letzte Inhaberin, Astrid Gründahl, war spezialisiert auf Handarbeiten, insbesondere Altländer Stickerei. Sie organisierte Handarbeitsausstellungen im Laden, die überregional bekannt waren, und entwarf Stickmuster, die in Fachzeitschriften publiziert wurden. Ihre Tochter, Stefanie Jannedy, resümiert: „Der Tresen und die Kurzwaren hier sind so gut aufbereitet, dass mein Bruder und ich ganz emotional geworden sind.“

„Foto Böhmer“ aus Winsen war ein typisches Fotofachgeschäft: Im Atelier ließ sich die Kundschaft fotografieren, die Negative wurden im eigenen Fotolabor entwickelt. Das Museum zeigt die originale Einrichtung, Kameras und Zubehör der frühen 1970er Jahre. Nicole Naumann, Kuratorin am Kiekeberg, erklärt, dass ein Besuch beim Fotografen damals ein besonderer Anlass für die Menschen war: „Im Schaufenster des Fotogeschäfts konnten die Winsener – wie in einem Mitteilungsblatt der Stadt – die Bilder der neusten Hochzeiten, Konfirmationen und Einschulungen anschauen.“ Die Inhaber lichteten von 1950 bis 2014 das soziale Leben in Winsen und Umgebung ab.

Bernd Kofler, letzter Besitzer, freut sich über sein Geschäft am Kiekeberg: „Es war für mich überwältigend wieder im Laden zu stehen.“

„Elektrotechnik und Reparaturen“ ist eine detailgetreue Nachbildung für ein Elektrofachgeschäft. Der Laden bildet den steigenden Wohlstand in den 1950er und 1960er Jahren ab – ausgestattet mit Fernsehern, Radios und Lampen. Victoria Preuß, Kuratorin des Ladens, berichtet: „Wir haben Texte und historische Fotos recherchiert; viele Spender und Spenderinnen haben uns passende Fernseher und Radios überlassen.“ Im Laden ist auch eine kleine Werkstatt, da die Geräte auch vor Ort repariert wurden. Rabatte an den Preisschildern weisen auf die Überproduktion hin. An Medienstationen hören und sehen Interessierte Musikhits und Tagesschauberichte jener Zeit.

Das Geschäftshaus selbst ist eine Rekonstruktion nach historischen Bauplänen. Theda Boerma-Pahl, Projektleiterin „Königsberger Straße“ und Architektin der Stiftung Freilichtmuseum am Kiekeberg, erklärt: „Nachdem wir kein passendes Originalgebäude gefunden haben, sind wir auf das Geschäftshaus im Appenstedter Weg in Meckelfeld gestoßen. Es wurde 1961 in einer damals typischen Neubausiedlung aus Doppel- und Mehrfamilienhäusern errichtet und wird noch heute genutzt. Wir haben es für unsere ‚Königsberger Straße‘ nach den ersten Entwurfsplänen rekonstruiert.“ Das Gebäude zeigt für die Zeit moderne Architekturelemente wie das Flachdach, gelbe Klinker und große Schaufenster. „Mit der aufgefächerten Fassade wollte der Bauherr etwas Besonderes bauen. In den sechs Ladeneinheiten des Gebäudes präsentieren wir einen breiten Querschnitt an Gegenständen aus unserer Museumssammlung“, ergänzt die Architektin. Für die Wohnsiedlung wurden bereits 1961 eine Vielzahl an Garagen errichtet, um die zahlreicher werdenden Autos sicher abseits des Straßenraums unterzubringen. Das Freilichtmuseum hat ebenfalls Garagen gebaut, in denen historische Automobile und Motorräder stehen.

Nächste Termine

Führungen, Vorführungen und Mitmachangebote rund um das neue Geschäftshaus und die „Königsberger Straße“ bietet das Freilichtmuseum an:

So, 30. April, 10–18 UhrSonntags im Museum: Königsberger Straße!
So, 25. Juni, 10–18 UhrSonntags im Museum: Königsberger Straße!
So, 2. Juli, 10–18 UhrSonntags im Museum: Königsberger Straße!
So, 24. September, 10–18 UhrSonntags im Museum: Königsberger Straße!
So, 8. Oktober, 10–18 UhrSonntags im Museum: Königsberger Straße!
So, 5. November, 10–18 UhrSonntags im Museum: Königsberger Straße!

Das Geschäftshaus ist eins von fünf Gebäuden der noch entstehenden Baugruppe „Königsberger Straße“ im Freilichtmuseum und veranschaulicht die bundesweite Entwicklung von Dörfern in der Zeit von 1949 bis 1979. Mit der „Königsberger Straße“ verdeutlicht das Freilichtmuseum am Kiekeberg, wie sich Menschen in West-Deutschland, unter anderem auch Flüchtlinge und Vertriebene, nach dem Zweiten Weltkrieg einen neuen Lebensstandard aufbauten. Nach der Währungsreform 1948 und insbesondere in den 1950er Jahren verbesserte sich die Lebenssituation: Improvisation und reine Bedarfsdeckung wichen immer mehr Freizeitgestaltung, Genuss und der Darstellung des eigenen Wohlstands. In dem Großprojekt „Königsberger Straße“ errichtet das Freilichtmuseum bis 2023 eine Baugruppe mit Gebäudetypen, die typisch für das Leben in der Nachkriegszeit sind und bis heute das Erscheinungsbild von Dörfern in ganz Deutschland prägen. Museumsdirektor Stefan Zimmermann erläutert: „Wir stellen dar, wie Einheimische, aber auch Neubürger die Aufbauzeit erlebten. In der Nachkriegszeit gab es, auch durch Flüchtlinge und Vertriebene, viele neue Impulse, die insbesondere auf dem Land einen Prozess der kulturellen und wirtschaftlichen Modernisierung anstießen.“

Das Projekt „Königsberger Straße. Heimat in der jungen Bundesrepublik“ besitzt bundesweite Bedeutung: Erstmals wird die Kulturgeschichte der Nachkriegszeit bis 1979 in der ländlichen Region erforscht und durch den Aufbau von Häusern und einer umfassenden Ausstellung gezeigt. Diese bundesweite Ausstrahlung verdeutlicht auch die Förderung durch die Beauftragte der Bundesregierung für Kultur und Medien in Höhe von 3,84 Millionen Euro. Der Zeitpunkt ist passend gewählt: Noch kann das Museum einzelne Nachkriegsgebäude im Originalzustand sichern, viele Menschen aus der Erlebnisgeneration geben ihr Wissen an die Wissenschaft weiter und Dokumente der Zeit, von Bauunterlagen, der provisorischen Ersteinrichtung bis zum Fotoalbum, gehen in die Sammlung des Museums über. Dies ist das Gedächtnis für die folgenden Generationen.

Das Freilichtmuseum am Kiekeberg baut bis 2023 fünf Gebäude mit entsprechender Einrichtung auf, legt Gärten und Straßen an. In ihnen zeigen Ausstellungen auch politische, wirtschaftliche, soziale und kulturelle Entwicklungen in der Bundesrepublik. Bewohnergeschichten aus der Zeit illustrieren besonders eindringlich die individuellen Auswirkungen. Das Museum wählte Gebäude aus der Region mit aussagekräftigen Geschichten aus, die in gleicher Weise für die bundesrepublikanische Entwicklung stehen:

  • eine Tankstelle,
  • ein Flüchtlingssiedlungshaus,
  • eine Ladenzeile mit sechs Geschäften,
  • ein Siedlungsdoppelhaus
  • ein Fertighaus.

Finanzierung

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Zahlreiche Förderer unterstützen das einmalige Projekt „Königsberger Straße“. Ihr Ziel ist es, die kulturellen Zeugen der unmittelbaren Nachkriegszeit für die Nachwelt zu erhalten und die Aufbauleistung darzustellen. Die „Königsberger Straße“ im Freilichtmuseum am Kiekeberg wird gefördert durch die Beauftragte der Bundesregierung für Kultur und Medien (Bund), das Land Niedersachsen, den Landkreis Harburg, den Förderfonds Hamburg/Niedersachsen der Metropolregion Hamburg, die Stiftung Niedersachsen, die Stiftung Hof Schlüter, die Niedersächsische Sparkassenstiftung, die Stiftung der Sparkasse Harburg-Buxtehude, den Lüneburgischen Landschaftsverband, die Klosterkammer Hannover, die Niedersächsische Bingo- Umweltstiftung und den Förderverein des Freilichtmuseums am Kiekeberg. Das Gesamtprojekt ist auf 6,14 Millionen Euro angelegt.

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