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Auf den Spuren der Neugrabener KZ-Insassinnen

Neugraben-Fischbek. Am Ewigkeitssonntag sind rund 25 Interessierte auf Einladung der SPD Neugraben-Fischbek in die KZ-Gedenkstätte Neuengamme gefahren. Bereits am 9. November erinnerte die Partei in einer Veranstaltung an das Schicksal der 500 tschechischen Frauen jüdischen Glaubens, die im KZ-Außenlager am Falkenbergsweg interniert waren. Nun begab sich die Gruppe auf den Spuren der Frauen ins Hauptlager im Osten Hamburgs.

Begleitet wurde die Gruppe von Heiner und Karin Schultz, die seit rund vierzig Jahren die Geschichte des Neugrabener Lagers erforschen und über die Jahre Kontakt zu 46 überlebenden Frauen aufgebaut haben. Heiner Schultz nutze die Fahrt nach Neuengamme und berichtete über die Geschichte der Tschechinnen, die über das Ghetto Theresienstadt zunächst nach Auschwitz deportiert wurden. Weil die deutsche Kriegsindustrie 1944 jedoch Arbeitskräfte benötigte, kam es zu Selektionen in Auschwitz. Tausend Frauen wurden nach Hamburg geschickt – zunächst an das Dessauer Ufer. Von dort wurden sie Mitte September 1944 auf die Lager in Neugraben, Sasel und Wedel verteilt und mussten dort Zwangsarbeit leisten. In Neugraben waren die Frauen während des besonders kalten Winters 1944/45 unter anderem an dem Bau der Plattenbauten in der Falkenbergsiedlung beteiligt. Anfang 1945, als das Ende des Krieges näher rückte, wurden die tschechischen Frauen zunächst in das Lager Tiefstack gebracht, das im März bei einem Bombenangriff zerstört wurde. Die überlebenden Frauen wurden in das KZ Bergen-Belsen transportiert, wo sie am 15. April 1945 von den Alliierten befreit wurden.

Nach der Ankunft in der KZ-Gedenkstätte lernten die Mitfahrenden bei einer Führung über das ehemalige Lagergelände viel über das Überleben und Sterben in Neuengamme. SS-Funktionäre hatte schon in den 1930ern eine alte Ziegelei auf dem Gelände gekauft, um dort Klinker für die geplanten monumentalen Umbauten des Elbufers nach Hitlers Wünschen zu produzieren. Dass es zu der Umgestaltung nie kam, half den insgesamt über 100.000 inhaftierten Männern nicht. Sie mussten stattdessen unter menschenunwürdigen Bedingungen beispielsweise Bauteile aus Beton für den Luftschutz und Behelfswohnungen fertigen.

In den 1950er Jahren entstand auf dem Lagergeländer ein großes Gefängnis. Erst in den letzten rund 20 Jahren konnte die dort anschließend eingerichtete KZ-Gedenkstätte den Ort in einigen Teilen wiederherstellen und die Dimensionen des Geländes für heutige Besucher erfahrbar machen.

Die Teilnehmerinnen und Teilnehmer nahmen nicht nur viel Wissen über das System der Konzentrationslager und das NS-Programm „Vernichtung durch Arbeit“ mit, sondern auch tiefe emotionale Eindrücke, die zur weiteren Auseinandersetzung anregen. Die Organisatorin Thea Goos von der SPD resümierte: „Eigentlich ist ein Nachmittag viel zu kurz. Es bräuchte mehr Zeit. Vielleicht sollten wir diese Fahrt im nächsten Jahr wieder anbieten.“

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